Bereits seit der Gründung der PKK in den 1980er Jahren kämpfen kurdische Frauen neben den Männern an der Front. Und das nicht nur in der Türkei, sondern auch im Nordirak. Dort sind es die Peschmerga, die Widerstand leisten. Rund ein Drittel der Kämpfer in Syrisch-Kurdistan sind Frauen. Sie kämpfen unter dem Namen "YPJ" (Frauenverteidigungseinheiten), eben als Frauenkampfverband der YPG. Große mediale Aufmerksamkeit bekamen die kurdischen Kämpferinnen insbesondere seit den aktuellen IS-Angriffen. Da die vermummten Männer in der schwarzen Kluft, dort die Frauen in Militärkluft, die ihnen versuchen, die Stirn zu bieten.

Feminismus
und Gewehr

Wenn ihre Gesundheit es zulassen würde, wäre auch Agire jetzt in Kobane, um zu kämpfen. "Es ist sehr, wirklich sehr lange her, als ich das letzte Mal in Kobane war", sagt die zierliche 38-Jährige. Agire stammt aus Kobane. Ebenso wie Leyla möchte sie ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung stehen haben. Sie hat sich mit ihrem Guerillanamen, den sie seit ihrem 16. Lebensjahr trägt, komplett identifiziert. "Das Feuer" bedeutet Agire. Sie nahm den Namen an, als sie sich 1992 der PKK anschloss. Sie und ihr älterer Bruder wurden von ihrem Vater dazu ermutigt. Der Einsatz seiner Kinder für die PKK war eine große Ehre für ihren Vater, der wegen seiner politischen Aktivitäten dem syrischen Regime ein Dorn im Auge war. "Sie nahmen ihn oft fest, folterten ihn und ließen ihn gehen. Dann ging es von vorn los, sie nahmen ihn wieder fest und folterten ihn erneut", erinnert sich Agire. Ist das der Grund für ihren frühen Entschluss für das Guerillaleben? "Nicht nur. Ich wollte ein selbstbestimmtes, freies Leben für die Kurden und kämpfte auch für die Freiheit der Frauen." Es gab damals noch keine nennenswerte kurdische Freiheitsbewegung, in Syrien, deshalb kämpfte sie an der Seite von PKK, "um ihren Traum von einem "freien Kurdistan zu realisieren", betont Agire.

In ihren ersten Jahren bei der PKK, arbeitete sie zuerst mit den Frauen. Sie las mit ihnen philosophische und feministische Werke und unterstützte sie in ihrem Alltag. "Es war nicht immer leicht", erklärt sie, wenn sie heute zurückdenkt. Viele Männer sabotierten Agire und ihre Kameradinnen. "Sie wollten nicht, dass ihre Frauen aufgeklärt sind und nach Gleichberechtigung streben."

Auch Agire wurde von Schüttbomben getroffen. Eine Kugel traf ihr Gesicht. Auch nach mehr als ein Dutzend Operationen ist sie heute nicht ganz geheilt. Die erste Versorgung nach ihrer schweren Verletzung fand noch am Unfallort statt. Als sie wieder auf die Beine kam, war sie nicht mehr fähig zu kämpfen und ging zurück nach Syrien. Von dort musste sie fliehen. Das Regime von Bashar Assad hatte sie im Visier. Sie beschloss, nach Europa zu kommen. Seit sieben Jahren lebt sie nun in Wien, wo sie wegen ihrer Verletzungen therapiert wird.

Die Heimat hat sie deswegen aber noch lange nicht losgelassen. Seit Kobane im Fokus der Welt steht, ist auch Agire vorne dabei. Dieses Mal vollkommen friedfertig. Keine Solidaritätskundgebung lässt sie in Wien aus. Vor ein paar Wochen, am 1. November, fand die bisher letzte Kobane-Aktion dieser Art statt. Der Tag wurde zum "Weltkobanetag" ausgerufen. Nach fast zwei Monaten Belagerung durch die IS-Milizen werden nun die ersten Erfolge gemeldet. Laut einem Sprecher der kurdischen Lokalverwaltung in Kobane konnten die Volksverteidigungseinheiten die Männer des Islamischen Staates aus dem westlichen Teil von Kobane zurückschlagen. Agire und Leyla sind erleichtert. Zumindest eine kleine Verschnaufpause.