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Wien. Eine Schule ist stark renovierungsbedürftig. Sanieren oder komplett neu bauen? Ein Gesetz über Beschränkungen für ausländische Arbeitskräfte wird debattiert. Zugang erleichtern oder erschweren? Oder bei der Sicherung des Pensionssystems. Das Antrittsalter beibehalten oder erhöhen? Ein neues Stadtentwicklungsgebiet. 10.000 oder gleich 30.000 Wohneinheiten?

Die demografische Entwicklung des Landes wirft unzählige Fragen auf, deren Beantwortung auch auf Basis von Bevölkerungsprognosen erfolgt. Oder erfolgen müsste, wie der Zukunftsforscher Andreas Reiter vom ZTB Zukunftsbüro erklärt: "Sie wären eine intelligente Grundlage für sozialpolitische und infrastrukturelle Entscheidungen."

Am Donnerstag hat die Statistik Austria ihre neueste Bevölkerungsprognose präsentiert, demnach Österreich in den kommenden Jahren stärker wachsen wird als bisher angenommen. Im Jahr 2025 sollen hierzulande mehr als neun Millionen Menschen wohnen. Die Einwohnerzahl von Wien soll nur wenig später über die Zwei-Millionen-Grenze springen.

Zahlen wie diese sowie dahinterliegende, spezifische Daten zu Bildung, Altersverteilung, Fertilität, Migration und Binnenwanderung können Handlungsanleitungen für die Politik sein; dann und wann sind sie es auch. Zumal die finanziellen Rahmen immer enger werden, die Budgets knapper und deshalb Ausgaben und Investitionen sehr genau überlegt werden müssen. "Wenn man sich verstärkt an die Prognosen halten würde, müsste die Politik vieles anders machen", sagt Reiter. "Oft scheitert es aber am politischen Lagerdenken."

Auch Isabella Buber-Ennser vom Vienna Institute of Demography würde sich eine bessere Einbindung von demografischen Prognosen in politische Entscheidungsprozesse wünschen. "Wir liefern unsere Expertisen natürlich ab, man muss aber sagen, dass von der Politik nicht immer entsprechend reagiert wird", sagt die Forscherin.

Ein Beispiel ist die demografische Alterung der Gesellschaft. Im Jahr 2013 waren 18,2 Prozent der Bevölkerung in Österreich 65 Jahre oder älter, für das Jahr 2060 rechnet die Statistik Austria mit einem Anteil von 28,7 Prozent. Doch gerade bei der Pensionsproblematik hat die langfristige Prognose mittlerweile Eingang ins Gesetz gefunden.

Die Kommission zur langfristigen Pensionssicherung, die im Vorjahr ihre Arbeit aufnahm, muss laut Sozialversicherungsgesetz alle drei Jahre einen Bericht über die "langfristige Entwicklung und Finanzierbarkeit der gesetzlichen Pensionsversicherung bis zum Jahr 2050" abgeben, wobei Prognosen der Statistik Austria heranzuziehen sind. Auf Basis dieser Vorhersage werden die Berechnungen durchgeführt.

Es sind freilich nur Annahmen, gewisse Entwicklungen sind nicht vorherzusehen. Allerdings gibt es gerade bei Faktoren wie Fertilität, Sterblichkeit und Lebenserwartung sehr stabile Daten, sodass ein Zeitraum von etwa zehn Jahren sehr gut abschätzbar ist.

Eine Unkonstante ist die Zuwanderung. Sie ist nicht nur dafür verantwortlich, dass Österreichs Bevölkerung wächst, sondern auch schneller als zuletzt prognostiziert. Im Jahr 2013 ist die Einwohnerzahl um 56.000 durch sogenannte Wanderungsgewinne gestiegen. Ähnlich wie der Anteil der Über-65-Jährigen soll sich laut den Statistikern auch der Anteil jener Menschen, die im Ausland geboren wurden, auf ein Viertel erhöhen.

Die Unsicherheit ist, dass Gesetze den Faktor beeinflussen, wobei mittlerweile der Hauptanteil der Migration nach Österreich aus der EU kommt und daher keinen Zugangseinschränkungen unterliegt. Alexander Hanika von der Statistik Austria: "Wir haben die Entwicklungen vorsichtig fortgeschrieben, weil es auch in anderen Ländern einen demografischen Rückgang gibt und die Zahl potenzieller Auswanderer sinkt."

Ohne Einwanderung würde Österreich bis zum Jahr 2040 auf 8,12 Millionen und bis 2060 auf 7 Millionen Einwohner schrumpfen, zudem würde die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter dramatisch abnehmen. Es würde das Land, so viel lässt sich mit Sicherheit sagen, direkt in die Verelendung führen.