Wien. Neun Motivationsschreiben, vier Bewerbungsgespräche und drei Jobzusagen - so viel hat es gebraucht, bis die 26-jährige Bulgarin Gabriela S. nach Österreich gekommen ist. Am 18. Jänner des Vorjahres kam sie mit ihrem rosa Koffer am Salzburger Bahnhof an. Am 1. Februar hatte sie ihren ersten Arbeitstag als Servicemitarbeiterin im Nobelhotel Schloss Leopoldskron. "Ich war selbst überrascht, dass ich so schnell einen Job gefunden habe", sagt die studierte Tourismusmanagerin. "Mein Eindruck ist, dass jeder, der arbeiten will und was im Kopf hat, in Österreich eine Arbeit findet. Das ist in Bulgarien nicht so."

Seit dem 1. Jänner 2014 ist der heimische Arbeitsmarkt für Bulgaren und Rumänen geöffnet. Das bedeutet, dass sie ohne zusätzliche Beschäftigungsbewilligung in Österreich arbeiten dürfen. Gabriela S. gehört zu den 2779 Bulgaren, die laut Statistik Austria in den ersten sechs Monaten des Vorjahres nach Österreich gekommen sind. Aus Rumänien sind im gleichen Zeitraum 10.602 Personen gekommen. Endgültige Daten für das zweite Halbjahr gibt es noch nicht.

Kein großer Ansturm
auf Arbeitsmarkt


Die Arbeitsmarktöffnung hat nur bedingt einen Ansturm aus diesen beiden Ländern ausgelöst. Im November 2014 waren laut Arbeitsmarktservice (AMS) 7453 Bulgaren und 34.427 Rumänen in Österreich beschäftigt. Das sind 13.724 Personen mehr als im November 2013, vor der Arbeitsmarktöffnung. Die meisten arbeiten in der Tourismusbranche, im Baugewerbe und im Handel. Viele finden auch in jenen Bereichen einen Job, in denen ein Fachkräftemangel herrscht - also als Ärzte, Computerspezialisten, Techniker oder in der Pflege.

Dass ohne Arbeitsmarktöffnung viel weniger Menschen aus den neuen EU-Staaten gekommen wären, muss bezweifelt werden. Der Großteil ist nach dem EU-Beitritt im Jahr 2007 nach Österreich eingewandert. Zum Vergleich: 2004 waren laut Statistik Austria 2856 Bulgaren und 20.483 Rumänen in Österreich gemeldet. Ende 2013 - vor der Arbeitsmarktöffnung - waren es knapp 15.000 Bulgaren und nicht ganz 60.000 Rumänen. Internen Schätzungen des AMS zufolge wäre die Anzahl der Einwanderer ohnehin gestiegen.

"Betteln für Euro ist
besser als betteln für Leu"


Anastasia hat noch nie ein Motivationsschreiben geschrieben. Sie sitzt am Silvestertag auf der Meidlinger Hauptstraße und streckt den Passanten ihren zerknüllten Pappbecher entgegen. "Biiitte, kleine Spende, Prinzessin", sagt sie und blickt mit traurigen Augen auf. Auf dem Becherboden liegen ein paar Centmünzen. "Für Euro betteln ist besser als für Leu (rumänische Währung, Anm.)", meint sie. Sie komme aus Bukarest. Zu Hause gebe es keine Arbeit, also sei sie nach Wien gekommen, um hier ein paar Euro zu verdienen. Zu Weihnachten sind die Leute spendabler.

Am liebsten würde sie arbeiten, putzen oder so, erklärt sie in gebrochenem Deutsch. Aber auch in Österreich kann Anastasia keinen Job finden, also geht sie betteln. "Die meisten Menschen wollen arbeiten. Das Betteln sehen viele als Übergangslösung. Oder sie können alters- oder krankheitsbedingt nichts mehr arbeiten und sind gezwungen zu betteln", erklärt Ferdinand Koller von der Bettellobby in Wien. Dass man mit Betteln reich wird, ist ein Mythos. "Die Menschen verdienen 20, vielleicht 30 Euro am Tag", sagt Koller. Die meisten unterstützen ihre Familien zu Hause. Auch der Vorwurf des organisierten, mafiösen Bettelns sei nicht haltbar. In den meisten Fällen handelt es sich um Familien oder Freunde, die zusammen nach Österreich gekommen sind. Manche verbringen nur ein paar Monate in Österreich, andere schlagen sich jahrelang als Tagelöhner oder Bettler durch.

Auf diese Gruppe hatte die Arbeitsmarktöffnung keine Auswirkungen. "Ein großer Ansturm war es nicht. Es sind nicht so viele mehr gekommen als in den Jahren davor", sagt Koller. Diese Personen kommen im Zuge der Personenfreizügigkeit nach Österreich, die für alle EU-Bürger gilt. Sie haben aus mehreren Gründen Schwierigkeiten, einen Job zu finden, so Koller. Zum einen fehle vielen die Information über Stellenangebote und ein entsprechendes Netzwerk. Zum anderen sprechen die meisten kaum Deutsch und haben keine Ausbildung.

Genaue Anzahl der Einwanderer unbekannt


Wie viele Bulgaren und Rumänen tatsächlich im vergangenen Jahr nach Österreich gekommen sind, lässt sich kaum messen. Statistisch erfasst werden nur jene, die hier sozialversichert sind und im Melderegister aufscheinen. Alle anderen werden nicht erfasst, also etwa Bettler, die für ein paar Monate hier sind und wieder nach Hause fahren.

EU-Bürger, die sich länger als vier Monate in Österreich aufhalten wollen, benötigen eine sogenannte Anmeldebescheinigung. Das bedeutet, dass man nur bleiben darf, wenn man in Österreich einer ordentlichen Beschäftigung nachgeht, sozialversichert ist oder belegen kann, dass man über genug Geld verfügt, um den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten. Automatischen Anspruch auf Sozialleistungen wie Familienbeihilfe oder Sozialhilfe haben Neuankömmlinge nicht.