Studieren bis 30, das war einmal. Ab dem 24. Lebensjahr verliert man die Familienbeihilfe, Seminare fordern Anwesenheitspflicht, nebenbei wird oft gejobbt. Das neue Mantra der Studierenden lautet "fertig werden". Bei aller Unzufriedenheit ist der Studienabbruch für die meisten dennoch keine Option: Ohne Abschluss ist die Wahrscheinlichkeit, später einen Job zu finden, noch geringer. Dass Professoren vor vollen Auditorien scherzen, nach dem Studium müsse man eben als Taxifahrer arbeiten, hebt die Stimmung auch nicht unbedingt.

Dass das Studium keinen Raum ließe, sich zumindest dahingehend zu informieren, wen man wählen will, ist aber Humbug. "Zeit hätte ich schon, das Studium ist nicht besonders stressig", sagt Ülkü Yildrim und grinst. Die 21-Jährige studiert an der Wirtschaftsuniversität Wien Betriebswirtschaftslehre im 4. Semester, wie ihre Kommilitonin Özge Hazar, 8. Semester, wird sie nicht wählen gehen. Die jungen Frauen haben noch nie ihre Stimme abgegeben, auch nicht bei landes- oder bundespolitischen Wahlen. Warum? "Egal ob ÖVP, SPÖ oder Grüne an der Macht sind, es ist alles dasselbe." Daran, dass die ÖH an den Missständen an der Uni etwas ändern könnte, glauben sie nicht. Manchen sind die Forderungen der ÖH auch zu abgehoben oder zu radikal: "Man kann auch Kapitalismus kritisieren, ohne Marxist zu sein." Bei der ÖH-Wahl treten seit einigen Jahren zwei kommunistische Parteien an: der KPÖ-kritische KSV und dem mit der Bundes-KPÖ sympathisierenden KSV-LiLi.

Häupl gegen Kalashinokovs

Ihr Stand ist karger bestückt als die größerer Fraktionen: "Wir haben mit 2500 Euro das kleinste Wahlkampfbudget", argumentiert Tina Sanders. Sie repräsentiert den KSV Lili bei der Wahl, aber nicht als Spitzenkandidatin, die Fraktion ist basisdemokratisch aufgestellt. Adam Markus verteilt für KSV Lili-Flyer, der Doktorand trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Gegen Säbel, für Kalashinokovs". Er habe heute schon ein Foto mit dem Wiener Bürgermeister Michael Häupl gemacht, erzählt er stolz. "Dem Häupl hat mein T-Shirt nicht so gut gefallen. Er sagte, er war auch einmal so, und später werde ich das ebenfalls anders sehen." Immerhin vierzig Jahre liegt es zurück, dass Häupl als VSStÖ-Vorsitzender in der ÖH aktiv war.

Die ÖH, das war immer schon eine Kaderschmiede der Politik - und wenn es nicht für die große Politik reicht, dann zumindest für einen Versorgungsposten. Die Liste prominenter Ex-ÖHler in der Politik ist jedenfalls lang: Bundespräsident Heinz Fischer war VSStÖ-Mandatar, die Wiener Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou ÖH-Generalsekretärin, die grüne Wissenschaftssprecherin Sigrid Maurer stand 2009, zur Zeit der Audimax-Besetzung, an der ÖH-Spitze.

Und just während dieser massiven Studentenproteste - eine Art Antithese zu den unpolitischen, angepassten Studierenden - war die Wahlbeteiligung mit 25 Prozent so niedrig wie noch nie. Zwischen geringer Wahlbeteiligung und geringem politischen Interesse dürfte also kein kausaler Zusammenhang bestehen. Vielmehr tun sich die studentischen Parteien schwer, ihre Wähler anzusprechen. Auch das dürfte die Polit-Azubis auf den parteipolitischen Alltag vorbereiten.