"Wiener Zeitung": Sie schreiben in Ihrem neuen Buch "Entwicklungszusammenarbeit im Umbruch" (Brandes&Apsel Verlag), die EZA sei 2015 an einem Wendepunkt. Wie meinen Sie das?

Thomas Vogel: Die Millennium-Entwicklungsziele laufen aus. Das ist ein epochaler Einschnitt, wo jetzt die Fachwelt innehält. Einerseits wird auf internationaler Ebene Bilanz gezogen, andererseits laufen auch die Planungen für die neuen sogenannten Nachhaltigen Entwicklungsziele.

Friedbert Ottacher: Es ist auch die Aktualität des Themas: Wir haben ein Erdbeben in Nepal mit tausenden Toten und ertrinkende Bootsflüchtlinge und nach 65 Jahren EZA stellt sich nun die Frage: Ist das ein Zeichen des Scheiterns? Oder ist es ein Zeichen, dass man noch viel mehr tun müsste? Wir sind der Meinung, dass es mehr braucht.

Friedbert Ottacher arbeitet seit 14 Jahren als Projektreferent in der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (EZA). - © EZA
Friedbert Ottacher arbeitet seit 14 Jahren als Projektreferent in der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (EZA). - © EZA

Welche Fehler wurden gemacht?

Ottacher: Ich denke, es beginnt mit dem Ansatz in den 1950ern, Modernisierung sei das einzig Wahre. Damals glaubte man, das westliche Modell einfach eins zu eins auf die Ex-Kolonien übertragen zu können, und die würden sich mit dem zur Verfügung gestellten Geld und Wissen in rasanter Zeit entwickeln. Die Enttäuschung war groß, als das nicht eingetreten ist.

"70 Prozent der Leute auf der Straße sind bereit, karitativ zu spenden. Aber es wird in der Politik nicht verstanden, das in Programme umzusetzen", sagt Thomas Vogel von der EZA. - © EZA
"70 Prozent der Leute auf der Straße sind bereit, karitativ zu spenden. Aber es wird in der Politik nicht verstanden, das in Programme umzusetzen", sagt Thomas Vogel von der EZA. - © EZA

Vogel: In 65 Jahren haben einander verschiedene Ansätze und Konzepte abgelöst, sind gescheitert, wurden analysiert. Hinter den Kulissen hat sich sehr viel getan, das für die Leute auf der Straße allerdings schlecht spürbar ist. Sehr viel Kritik läuft insofern mittlerweile ins Leere, weil sie sich auf längst vergangene Methoden der EZA bezieht. Am Anfang war man wirklich so naiv, dass man geglaubt hat, man könnte ihn kürzester Zeit, so wie in Europa mit dem Marshall-Plan, mit ein paar Milliarden die Armut beseitigen. Bis heute wird das Armutsproblem krass unterschätzt. Aufgabe und Werkzeug sind nicht im Einklang miteinander.

Wir schaffen es ja nicht einmal, die geforderten 0,7 Prozent des BIP für EZA aufzubringen.

Vogel: Was blamabel ist, wenn man sich anschaut, wie viele Milliarden für andere Dinge da sind. 70 Prozent der Leute auf der Straße sind bereit, karitativ zu spenden. Aber es wird in der Politik nicht verstanden, das in Programme umzusetzen, wo auch eine Budgetzahl dranhängt. Ich sehe da ein Versagen der Politik.

Ginge es sich mit den 0,7 Prozent tatsächlich aus?

Vogel: Die 0,7 Prozent entsprächen weltweit einer Summe von knapp 400 Milliarden Dollar im Jahr. Es wäre ein sehr großer Fortschritt, wenn man so viel Geld in die Hand nehmen könnte.

Ottacher: Die 0,7 Prozent waren 1969 ein ambitioniertes Ziel - und es ist auch heute noch ambitioniert, wenn man sich ansieht, wie wenige Länder es bisher erreicht haben. Österreich war immer sehr gut darin, sich durchzuschwindeln.

Vogel: Wenn man vergleicht, was Pakistan oder der Libanon bewältigt - da werden in Entwicklungsländern selbst Kontingente aufgenommen, die es in Europa noch nicht gab - und wie viele Familien in Deutschland und Österreich 1945 von Auslandshilfe abhängig waren oder im Ausland aufgenommen wurden, finde ich es schändlich, wie aus unserer Wohlstandssituation heraus mit diesen Problematiken umgegangen wird und die Verhältnisse einfach nicht passen.

Inwieweit darf/muss man Entwicklungsländer zum Glück zwingen?

Vogel: Zwingen darf man nie. EZA ist immer eine Gratwanderung zwischen dem Herbeiführen und Begünstigen von Veränderungen, die man für wünschenswert hält, und dem Prinzip der Nichteinmischung, der Eigenständigkeit. Bei ein paar Fragen tun wir uns recht leicht. Zum Beispiel ist sich die Fachwelt bei weiblicher Genitalverstümmelung einig, dass man sich da engagieren sollte. Aber bei Meinungsfreiheit, politischer Mitbestimmung und demokratischen Freiheiten merkt man schnell, dass bestimmte Menschenrechte vor allem im Westen definiert wurden.

Ottacher: Es gibt auf akademischer Ebene auch die Post-Development-Strömung, die sich gegen EZA wendet, deren Zugang man im Satz zusammenfassen könnte: Lasst die Armen alleine. Das würden wir nicht machen. Wenn es um Menschenleben, soziale Gesundheit und Bildung geht, sehen wir eine Verpflichtung zum Eingreifen. Die Post-Development-Bewegung hingegen würde sogar so weit gehen zu sagen: Weibliche Genitalverstümmelung ist das Business der jeweiligen Gesellschaft, und wir haben kein Recht zur Einmischung.

Wie viel Geld versumpert wirklich?

Vogel: Es gibt auch in der EZA das Problem von Korruption und undurchsichtigen Geldflüssen. Aber es versumpert auch Geld in Europa. Wäre der Berliner Flughafen in Uganda gebaut worden, hätte das Schlagzeilen als das große gescheiterte EZA-Projekt gemacht. Und man muss dazusagen, dass wir vor allem in Ländern agieren, die bereits im Korruptionsindex im unteren Bereich angesiedelt sind. Das verzerrt das Ganze etwas. Ebenso der Anspruch, dass bei Spendengeldern nichts verschwinden darf. Aber das passiert halt manchmal doch, auch bei Nichtregierungsorganisationen.

Ottacher: Diese Sache ist für mich ein klassisches Totschlagargument, um nicht zu spenden. Die Hilfsorganisationen sprechen heute offen darüber und stellen sich dem. Sie gehen auch gerichtlich dagegen vor. Nur so wird man vor Ort ernst genommen.