Wien. Die Zukunft? "In der Zukunft wünsch ich mir, dass es keine Flüchtlinge geben wird und keine armen Menschen", schreibt der Schüler Sanduh in dem Buch "Wohin wir gehen". "Eines Tages möchte ich Polizist werden, weil das eine Respektsperson ist und weil es ein sicherer Job ist", formuliert Denis. Und Ryan führt aus: "Ich habe einen großen Traum. Eine Familie, ein Haus und meine Freunde um mich. Doch um seinen Traum zu erfüllen, muss man hart arbeiten. Deshalb versuche ich jetzt, die Schule positiv zu bestehen. Damit ich in der Zukunft ein gutes Leben führen kann."

Mehr als 1300 in Wien lebende Jugendliche im Alter von 14 bis 24 Jahren haben bisher im Zuge des Projekts "Wir. Berichte aus dem neuen Österreich" von sich erzählt. Morgen, Mittwoch, erscheinen diese Texte unter den Titeln "Wie wir leben", "Woher wir kommen" und "Wohin wir gehen" in Buchform - die "Wiener Zeitung" hat bereits darüber berichtet. Die Vorworte zu den drei neuen Büchern stammen von Sprachwissenschafterin Ruth Wodak ("Woher wir kommen"), Bildungsexpertin Heidi Schrodt ("Wie wir leben") und Historiker Dirk Rupnow ("Wohin wir gehen"). Und auch sie erzählen dabei aus ihrem Leben und ihren Erfahrungen. Im Vorfeld der Veröffentlichung sind diese Texte in der "Wiener Zeitung" zu lesen. Nach Ruth Wodak und Heidi Schrodt folgt nun der Text von Dirk Rupnow zum Thema Geschichte.

"Geschichte" ist ein schwieriger, weil vieldeutiger Begriff. Er meint die vergangenen Ereignisse ebenso wie die (wissenschaftliche) Beschäftigung mit ihnen, aber auch einen literarischen Text oder eine Erzählung. Die vergangenen Ereignisse sind nur im Singular denkbar, so "wie es eigentlich gewesen" ist.

Geschichte als Argument für Massenmord

Dass aber die Rekonstruktion dieser vergangenen Ereignisse keineswegs im Singular möglich ist, sondern abhängt von Standpunkt und Perspektive des Betrachtenden oder Forschenden, dürfte sich mittlerweile als Einsicht durchgesetzt haben, wenn dies auch immer noch bei vielen ein Unbehagen oder Besorgnis hervorruft. Ein direkter und unmittelbarer Zugang zur Vergangenheit ist uns jedoch verwehrt. Der Rückblick kann ehrlicherweise nur vielstimmig sein, so wie es Literatur und Erzählungen ohnehin sind.

Mit der angeblichen Einheit von Volk, Territorium und Geschichte wurden im 19. Jahrhun-dert die Nationalstaaten zu befestigen versucht. Homogenität musste allerdings auf allen drei Ebenen erst gewalthaft hergestellt werden. Pluralität wurde einfach ausgeblendet oder tatsächlich beseitigt. Die Gewaltexzesse des 20. Jahrhunderts gehören in diese Traditionslinie. Auch Historiker legitimierten sie, "Geschichte" wurde gerne als Argument für Ausgrenzung, Vertreibung oder auch Massenmord benutzt.

Und noch immer wird eine nie da gewesene homogene Nation imaginiert oder gar zu realisieren gefordert - nicht zuletzt mit dem unseligen Schlagwort "Integration". Dabei wird nicht nur verkannt, dass es homogene und statische, klar voneinander getrennte Kulturen nie gab und nicht gibt, sondern vor allem, dass es sie gar nicht geben kann, dass Pluralität und Austausch geradezu grundlegende Bedingungen für Kultur sind. Ohne sie gäbe es auch keine Veränderung und Entwicklung - mithin keine Geschichte.

Allein der Blick auf die alltäglich sichtbare und erfahrbare Pluralität unserer Gesellschaft macht deutlich, dass es eine Geschichte im Singular gar nicht geben kann. Allerdings hatten lange Zeit nur wenige und bestimmte Gruppen in der Gesellschaft die Möglichkeit, Geschichte(n) überhaupt zu erzählen - und mit diesen auch gehört zu werden. Nach und nach ist dies aufgebrochen wurden, wurden unterschiedliche Gruppen in der Gesellschaft mit ihren Geschichten und Perspektiven sichtbar (z.B. Arbeiter oder Frauen). Dennoch gibt es weiterhin Ausblendungen und Leerstellen.

Vor allem Migration, die Erfahrungen und Erinnerungen von Migrantinnen und Migranten werden immer noch an den Rand gedrängt und noch nicht als Teil "unserer" Geschichte anerkannt. Sie stellen das Format der nationalen Geschichte und die etablierten Großnarrative auch radikal und nachhaltig in Frage. Es handelt sich um eine transnationale Geschichte par excellence: Das Überschreiten oder Unterlaufen von Grenzen wird ständig praktiziert, ohne dass diese freilich bedeutungslos würden; Globalisierung findet alltäglich vor Ort statt.

Migranten müssen Geschichte mitschreiben können

Migrantinnen und Migranten selbst müssen diese Geschichte erzählen und (mit)schreiben können. Letztlich geht es aber nicht um eine segregierte Geschichte der Migration und der Migranten, sondern um eine inklusive Geschichte, die der alltäglichen Pluralität und dem Wandel des gegenwärtigen Österreichs gerecht wird. Wie eigentlich jede, wird auch diese (neue) Geschichte nie vollständig zu erzählen sein, sondern höchstens in Ausschnitten und Fragmente. Die meisten historischen Darstellungen verschweigen dies freilich gern und versuchen den Eindruck einer abgerundeten und abgeschlossenen "Geschichte" (im Singular) zu erwecken.