Steyr. Die Städte wachsen. Immer mehr Menschen strömen in die Ballungsräume Europas. Mit ihnen ist ein heißer Kampf um die letzten Freiräume der Stadt entbrannt. In Hamburg gingen Tausende gegen den Abriss und Verkauf des historischen Gängeviertels an einen Investor auf die Straße. In Berlin vereitelten Proteste die Privatisierung des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Auch in Wien stemmen sich Bürgerinitiativen gegen die Verbauung des Donaukanals und die kommerzielle Nutzung der Kaiserwiese im Prater. Doch nicht nur in den großen Metropolen rücken Aktivisten zum Schutz öffentlicher Flächen aus. Auch in Steyr - der drittgrößten Stadt Oberösterreichs - wird darum gerungen.

Kreativer Freiraum


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Fachhochschule Steyr

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Die Steyr zerschneidet von West nach Ost die gleichnamige Stadt. Bevor der Fluss in die Enns mündet und mit ihr nach Norden abbiegt, wälzt er sich an den mittelalterlichen Fassaden und pittoresken Mühlen des sogenannten Wehrgrabens vorbei. Dazwischen klafft ein idyllisches Loch. Das Ufer fällt zum Wasser flach ab, gesäumt von Sträuchern und Bäumen. Bis in die 1970er stand hier ein Gaswerk, heute geht man hier spazieren. Kinder klettern auf die Bäume am Ufer, Anrainer stellen ihre Autos kostenlos ab. Vor 20 Jahren sprach der Magistrat einer Gruppe junger Aktivisten die Nutzung der letzten verbliebenen Gebäude auf dem Gelände als Prekarium zu. Sie richteten sich Werkstätten ein, begannen zu tischlern, nähen und schmieden. Das Gelände entwickelte sich zum kreativen Freiraum inmitten der Stadt, einer Fläche die von allen Bürgern frei genutzt wird.

Wie wird sich der Wehrgraben in Steyr weiter entwickeln?

Doch dies könnte nun ein Ende haben, denn die Fachhochschule Oberösterreich Immobilien Gmbh will an diesem Standort einen Neubau errichten. Schon seit zehn Jahren ist eine mögliche dritte Ausdehnung des FH-Campus aufs benachbarte Areal des früheren Gaswerks im Gespräch. Sie soll nun umgesetzt werden. Mehr wissen die Steyrer selbst auch nicht, sowohl Stadtregierung als auch FH OÖ Immobilien GmbH zeigen sich schweigsam.

Die Angst vor der Ungewissheit


Genau diese Schweigsamkeit ist es, die die Bewohner des Wehrgrabens verunsichert. Sie haben Angst vor dem Verlust von Lebensqualität, Grünfläche und Freiraum. "Die Vorgehensweise der Stadt ist alles andere als modern oder partizipativ", sagt Helene, die in einem angrenzendem Haus wohnt. "Wir haben keine Ahnung, was genau hier gebaut werden soll." Auch Klaus Schnopfhagen ist Anrainer. Er hat mit anderen Aktivisten die Initiative Wehrgraben begründet um die "altbackene Kultur der Stadtplanung, die in Steyr vorherrscht" aufzubrechen. Die Initiative habe sich vor allem deshalb formiert, weil die Pläne für die Erweiterung der FH nicht öffentlich einsehbar sind. "Schon vor zehn Jahren hat man uns zugesagt, dass wir als Anrainer und Wehrgraben-Bewohner in die Planungen mit eingebunden werden", sagt Schnopfhagen. "Wir sind nicht grundsätzlich gegen einen Neubau, nur würden wir gerne mitreden oder zumindest rechtzeitig informiert werden." Am 8. Juni wird die Fachhochschule die Pläne einem Gestaltungsbeirat aus drei unabhängigen Architekten präsentieren. Die Initiative Wehrgraben sieht sich vor vollendete Tatsachen gestellt.