In Traiskirchen wegen Homosexualität schikaniert

"Das Problem ist nicht nur die Übersetzung, es ist das ganze System. Es gibt zwar einen Infopoint (im EAST Traiskirchen, Anm.), aber dort gibt einem niemand Informationen", betont Sasha, der in Traiskirchen von anderen Asylwerbern wegen seiner Homosexualität schikaniert wurde und sich verängstigt an die Sicherheitskräfte wandte. Die Antwort auf seine Bitte, mit anderen jungen Russen in ein Zimmer verlegt zu werden, hallt noch immer in seinen Ohren: "Du liegst dort, wo wir sagen, dass du liegst."

"Ausgebildete Dolmetscher verwendet das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) in der Regel nicht. Oft kommen Personen zum Einsatz, von denen man weiß, dass sie der Sprache mächtig genug sind", sagt Anny Knapp, Obfrau des Vereins Asylkoordination Österreich zur "Wiener Zeitung". Zum Teil würde es sich um Studenten handeln, die sich etwas dazu verdienen wollen.

Anders stellt Karl-Heinz Grundböck, Sprecher des Innenministeriums, die Situation dar: "Es sind grundsätzlich gerichtlich beeidete Dolmetscher heranzuziehen, nur im Falle des Fehlens geeigneter Dolmetscher ist auf sprachkundige Personen zurückzugreifen", heißt es in einem Dokument des BFA zur Bestellung von Dolmetschern.
Menschen, die Homosexualität oder Transsexualität als Fluchtgrund angeben, sollten in Befragungen eine besondere Sensibilität erfahren. Darüber sind sich NGOs wie auch das Innenministerium einig. "Man versucht darauf einzugehen. Das Interview kann auch abgebrochen werden, wenn sich der Asylwerber unwohl fühlt", sagt Grundböck. Bei Hinweisen gelte es, dies von der Leitung der Betreuungsstelle inhaltlich und individuell zu prüfen. Wenn es sich um geschlechtsspezifische Verfolgung handle, schaue man dem BMI-Sprecher zufolge auf das Geschlecht des Übersetzers. "Es sollten auch Dolmetscher selbst Bescheid geben, wenn sie befangen sind", so Grundböck weiter. Aber wer tut das? Die Realität ist eine andere. Mit dem Outing der eigenen Befangenheit geht nicht nur eine Tagesgage flöten, sondern ein Stück Reputation. Wer Erfahrungen wie Sasha gemacht hat, kann Beschwerde einlegen. Aber wie wirkt sich das auf das laufende Asylverfahren aus? Schweigen scheint sicherer.

"Es ist eine Fiktion, dass ich neutral bin"

Einen richtigen Schritt in Qualitätssicherung für Dolmetscher hat UNHCR getan. "Es ist eine Fiktion, dass ich neutral bin und unsichtbar", beschreibt eine Dolmetscherin im Gespräch mit der Menschenrechtsorganisation eine der vielen Herausforderungen ihrer Tätigkeit. UNHCR Österreich hat nun das erste Training für Dolmetscher im Asylverfahren entwickelt, mit dem Ziel einer Qualitätsverbesserung der Übersetzungen. Heraus kam das Handbuch "Qualitätsvolles Dolmetschen im Asylverfahren – QUADA" zu rechtlichen, translatorischen und berufsethischen Themenbereichen. Besonders sinnvoll erscheint im Handbuch eine Übung, in der verschiedene Szenarien dargestellt werden und mit zusätzlichen Fragen wie Lösungsvorschlägen eine für alle Beteiligten möglichst optimale Situation erzielt werden soll. "Wie könnte sich hier der Asylwerber fühlen?"

Die UNHCR-Ethik-Kurse sind ein erster Schritt. "Sie müssten aber vom BFA verpflichtend vorgesehen werden, ich denke es ist im Moment wenig Bereitschaft da", sagt Fadi Merza, der neben seiner Boxer-Karriere auch als Arabisch-Dolmetscher für das BFA arbeitet.
Vor Kurzem wurde Sasha in die Grundversorgung aufgenommen, jetzt wartet er auf den nächsten Interview-Termin. Ob sein Asylantrag positiv entschieden wird, steht in den Sternen. Seine ganze Hoffnung legt er nun in ein krankes System. "In Russland werden Homosexuelle, die sich outen, mit einer Geldstrafe 50.000 bis 200.000 russischen Rubel belegt, oder werden eingesperrt. Ich habe Angst um mein Leben."