Wien. Mittwochabend in Rudolfsheim-Fünfhaus. Das türkische Restaurant Kent ist bis auf den letzten Platz besetzt. Aber die übliche Schlange vor dem Buffet bleibt aus, obwohl sich die Tische unter der Last der Speisen biegen. Die Gäste warten geduldig, vertreiben sich mit Gesprächen die Zeit. Dann, kurz nach 21 Uhr, als es schon fast dunkel ist, geht das Treiben los. Überall wird angestoßen, Suppe wird gereicht und ein großes Festmahl beginnt.

Bei der Feier handelt es sich um das Fastenbrechen (Iftar), das momentan allnächtlich von Muslimen begangen wird. Denn am 18. Juni hat der Ramadan, der islamische Fastenmonat begonnen. Das Fasten (Saum) gehört neben dem Glaubensbekenntnis (Schahada), den fünf täglichen Gebeten (Salat), der Armensteuer (Zakat) und der Wallfahrt nach Mekka (Hajj) zu den fünf Grundpfeilern des Islam.

Kein Essen und Trinken

Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang nehmen Muslime weder Flüssigkeit noch Nahrung zu sich, auch auf Rauchen und Geschlechtsverkehr wird verzichtet. Nachts wird beim Fastenbrechen dann ausgiebig gegessen und getrunken. Das Iftar im Kent wurde von der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien bereits das sechste Jahr in Folge veranstaltet - "als Zeichen des Respekts und der Wertschätzung für unsere muslimischen Kunden", erklärt Generaldirektor-Stellvertreter Georg Kraft-Kinz.

2012 lebten mehr als 570.000 Muslime in Österreich, etwa 216.000 davon in Wien. Wie viele von ihnen den Ramadan begehen, ist nicht genau bekannt. Jeder Muslim ist eigenverantwortlich, erzählt eine Türkin beim Fastenbrechen. "Kein Muslim darf einem anderen Muslim vorschreiben, dass er fasten soll."

"Ich mag Doppelmoral mancher Muslime nicht"

Auch gibt es im Koran festgeschriebene Ausnahmen von dieser religiösen Pflicht (Fard), erklärt die Studentin der medizinischen Informatik weiter. "Kinder sind vom Fasten ausgenommen. Alte, Kranke und Schwangere müssen den Ramadan nicht einhalten, wenn sie dazu körperlich nicht in der Lage sind." Die versäumten Fastentage werden dann später bei guter Gesundheit nachgeholt.

"Ich gehöre zu den Muslimen, die hier aufgewachsen sind und bin daher nicht so strenggläubig", erzählt Can im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Der 29-jährige Kundenberater hält den Ramadan an sich für eine gute Sache, fastet aber selbst nicht. "Ich treibe viel Sport und da schaffe ich es einfach nicht, den ganzen Tag über keine Nahrung und Flüssigkeit zu mir zu nehmen. Muslimische Profifußballer können das auch nicht tun, wenn sie Training haben." Can geht offen damit um. "Ich mag die Doppelmoral mancher Muslime nicht, die beispielsweise behaupten, keinen Alkohol zu trinken und es dann doch heimlich tun."