Wien. Sie ist eigentlich nett gelegen, doch entspricht sie räumlich den meisten Schulen in Wien. Abgenutzt, Garderoben am Gang oder im Keller - kaum eine Volksschule in Wien, die nicht aus allen Nähten platzt - weit entfernt von coolen, modernen Büros mit grünen Sofas und Designer-Regalen, die die Stadt auch so gerne vorstellt, wo die Jungen einmal kreative Ideen entwickeln und die Wirtschaft antreiben sollen.

Steintreppen, weiße Wände, da und dort eine Bilder- oder Fotowand. Tixo, Nagel, Klebeband - man hilft sich mit allem, was man zur Verfügung hat. Die Lehrer - heiß diskutiert in den vergangenen Monaten. Hart dran gekommen mit des Bürgermeisters Michael Häupls (SPÖ) Worten. Wenn er Lehrer wäre: "Dienstag Mittag bin ich fertig."

Es ist Donnerstag und Julia Ebert begrüßt wie jeden Tag um 7.45 Uhr Früh ihre 25 Kinder der Lerngruppe B in der Kindermanngasse im 17. Bezirk. Ein großer heller Klassenraum, zwei Computerplätze, eine Couch, die kleinen Tische und Stühle zu Inselgruppen zusammengestellt. Drei Eulen sitzen auf der Couch, drei Eulen zieren die Eingangstür. Das Klassentier ist offensichtlich. Auf einer Miniaturstaffel unter der Tafel liegt - wie ein heiliges Buch - die "Geschichten vom Franz" von Christine Nöstlinger.

Die Lehrerin wählt ein Kind aus, das nach vorne kommt und einem anderen zuzwinkert, welches dann ebenfalls in die Mitte kommt und wieder einem Kind zuzwinkert. "Schau mich mal an. Leise sein", hält Ebert die energiegeladenen Kinder im Zaum. Hannah holt die Stoff-Eule aus ihrem Nest. Sie soll beim Morgenkreis dabei sein. Nächstes Ritual: Ein Kind malt einem anderen mit den Fingern ein Zeichen - das Morgenzeichen - auf den Rücken. Das Zeichen wird dem nächsten Rücken weitergegeben. "Was man spürt, gibt man weiter", ermutigt die Lehrerin jene, die nicht genau verstehen, was sie da auf ihrem Rücken spüren. Einige sitzen im Schneidersitz und ahmen die Meditationspose nach. Andere legen ihre Köpfe auf den Teppich. "Wir haben heute gleich zwei Geburtstage zu feiern", so die Lehrerin.

Die Kindermanngasse legt ihren Schwerpunkt auf offenen Unterricht. Die Volksschule war eine der ersten öffentlichen Schulen in Wien, die vor mehr als 20 Jahren mit der Montessori-Pädagogik begonnen hat. Mittlerweile haben schon viele Schulen in Wien einen montessorischen Einschlag.

Ebert arbeitet seit 18 Jahren an dieser Schule. Sie sieht sich als Montessori-Klasse mit Einschränkung: "Ich mache so viel Montessori wie es in einer Regelschule möglich ist", sagt sie. Es findet bis zur 4. Klasse differenzierter Unterricht statt, erst im letzten Jahr gibt es dann Schularbeiten.

Nora hält die Eule am Arm, als sei sie eine echte. Das Mädchen mit den blonden langen Haaren und der grauen Weste hält den Arm ausgestreckt, mit der zweiten Hand hält sie die Stoffkrallen auf ihrem Westenärmel fest. Das Geburtstagslied verklingt und der gefeierte Bub kramt in einer Kiste. "Wenn Du Dich jetzt nicht entscheiden kannst, dann kannst du in der Pause weiterschauen", so die Lehrerin. "Wer etwas an sich hat, das lila ist, darf aus dem Morgenkreis gehen. Wer etwas Blaues hat, darf gehen." Schließlich sitzen alle Kinder auf ihren Plätzen und die Morgenarbeit beginnt, eine Zeit, in der sie individuell in ihren Heften und Büchern konzentriert arbeiten.

"Montessori heißt nicht, dass jeder machen kann, was er will. Es gibt klar definierte Grenzen. Es soll nicht langweilig sein, aber auch nicht überfordernd", sagt sie. Die Kinder lernen, selbständig zu arbeiten und sich einzuschätzen. "Sie müssen viele Entscheidungen treffen und das schon in der 1. Klasse: Mit wem will ich arbeiten, was möchte ich machen."

Keine fixen Pausen, keine Ansagen, keine Rechenproben. Die Hausübungen suchen sich die Kinder selbst aus. So wie sie in der Arbeitszeit selbst bestimmen können, womit sie sich gerade beschäftigen wollen. "Kinder haben sensible Perioden, in denen sie auf gewisse Dinge ansprechen", erklärt die Lehrerin. "Ich schau’, dass sie bis Semesterende die Lehrplanziele erreicht haben. Bis jetzt ist es sich immer ausgegangen", sagt Ebert.

Die Schüler werden unruhig. Die Lehrerin entscheidet: Es ist Zeit für eine Pause." Auch in ihrer Pause ist Ebert für die Kinder da. Sie schneidet die Geburtstagstorte an, verteilt sie, kümmert sich um ein Mädchen, das Bauchweh hat, schlichtet einen Streit zwischen zwei Buben. "Wenn man es gut machen will, ist jeder Tag eine Herausforderung", so die Lehrerin. "Die Kinder sind heute bei ihren Eltern oft der Mittelpunkt des Universums. Das ist schön, hat aber auch negative Auswirkungen, die wir Lehrer in der Schule mitbekommen. Die Kinder können nicht mehr warten, sind ungeduldig, haben viel öfter als früher psychosomatische Probleme wie Kopf- oder Bauchweh. Lehrer, die es gut machen wollen, sind für diese Kinder da. Da geht es um viel mehr als um Lernstoff."