Traiskirchen/Wien. Mehr als 2600 Flüchtlinge lebten Mitte August im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen - rund 1000 davon in Zelten, 450 waren obdachlos. Die "Wiener Zeitung" sprach mit sechs Asylsuchenden über ihre Fluchtgründe, die lange Reise und ihre Hoffnungen auf ein Leben in Frieden.

Jaffer, 14, seit drei Monaten in Traiskirchen

Ich komme aus Afghanistan, aber aufgewachsen bin ich in Parachinar, Pakistan, wohin ich mit meiner Familie vor der Gewalt in Afghanistan geflohen bin. Ich habe sieben Schwestern, als einziger Sohn bin ich die ganze Hoffnung meiner Familie.

Mein Vater hatte eine Bäckerei, aber die wurde wie viele andere Geschäfte und Gebäude zerstört, nachdem die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten eskalierten. Eines Tages auf dem Weg zur Schule wurden wir von maskierten Männern angehalten. Sie eröffneten das Feuer, ich wurde von vier Kugeln getroffen, die in meinen Beinen stecken blieben. Drei davon holten die Ärzte wieder heraus, eine steckt bis heute in meinem Unterschenkel. Ich war sehr lange im Krankenhaus, es dauerte ein Jahr, bis ich wieder gehen konnte.

Als es mir wieder besser ging, beschlossen meine Eltern, mich fortzuschicken. Sie setzen viel Hoffnung in mich, denn ich bin der Einzige, der später für sie sorgen kann. Die Erhaltung der Familie liegt in der Verantwortung der Männer.

Ich war einen Monat und 22 Tage unterwegs. Von Pakistan in den Iran, danach weiter in die Türkei. Man weiß nie, wer die nächste Etappe der Flucht organisiert, die "Bosse" wechseln ständig. In der Türkei verbrachte ich zwei Tage in einem Lager, das war wie ein Gefängnis. Sie brachten mich mit anderen Burschen in meinem Alter zum Meer, wir hatten ein Schlauchboot, aber der Motor funktionierte nicht. Nach zwei Stunden sprang er endlich an und wir fuhren Richtung Griechenland, die Polizei erwischte uns vor der Küste. Die griechischen Behörden händigten uns ein Dokument aus und sagten, wir hätten drei Tage Zeit, das Land zu verlassen.

In Österreich ließen sie uns im Wald aus dem Auto. "Ihr seid jetzt frei", sagte der Boss. Wir hatten nicht gesehen, wo er uns hinbrachte, der Lkw hatte keine Fenster. Wir waren hungrig und hatten Durst. Wenig später kam die Polizei und brachte uns auf die Wache. Sie stellten viele Fragen: Wo wir herkommen, was wir hier wollen. Ich verbrachte zwei Tage in Haft, dann kam ich nach Traiskirchen. Das war vor drei Monaten. Du kannst dir nicht vorstellen, wie wir hier leben. Wie die Tiere, noch schlechter als Tiere. Ich wünsche mir, dass ich verlegt werde, weg von Traiskirchen. Ich hoffe, dass meine Familie nachkommen kann.

Früher spielte ich gern Fußball und trainierte Karate, aber mein größter Wunsch war immer schon, Rockstar zu werden. Ich liebe traurige Musik. Als ich in Islamabad zur Schule ging, gab es einen Liederwettbewerb. Ich trat an und sang vor 20.000 Menschen. Ich war total nervös, aber ich schaffte es, mir den Text zu merken und fehlerfrei zu singen. Als sie verkündeten, dass ich gewonnen hatte, dachte ich, ich träume.

Ich spreche Farsi, Pashtun, Urdu und Englisch. Als Nächstes möchte ich Deutsch lernen. Wenn man die Sprache kann, ist jedes Problem lösbar.


Dalir, 22, und seine Mutter Tahmineh, seit zwei Monaten
in Traiskirchen

- © Markus Mantsch
© Markus Mantsch

Meine Mutter und ich sind aus dem Iran hergekommen. Meine Mutter hatte einen Friseur- und Schönheitssalon, ich ging zur Uni. Mir fehlen noch zwei Semester zum Abschluss als Zivilingenieur.

Nachdem mein Vater, der seit ein paar Jahren in Australien lebt, zum Christentum konvertierte, haben wir Probleme mit den Leuten in unserem Dorf bekommen. Auf der Uni hatte ich es auch nicht leicht. Man darf nie über Religion sprechen, das gibt Probleme. Diese Männer mit den Bärten, man nennt sie die Islamische Religionspolizei, kontrollieren die Studentinnen und Studenten. Wenn eine zu viel Haar zeigt oder ihnen dein Bart nicht passt, dann schadet das der universitären Karriere, man bekommt plötzlich die nötigen Dokumente und Prüfungszeugnisse nicht mehr. Nachdem eine Freundin, die auch konvertiert ist, verhaftet und ins Gefängnis gesteckt worden war, bekamen wir es mit der Angst zu tun und entschieden uns zur Flucht. Freunde sagten uns, dass Österreich ein gutes Land ist und die Menschen hilfsbereit, dass wir dort Frieden finden würden. Wir glaubten ihnen.

Meine Mutter flog in die Türkei, während ich im Iran festsaß, weil ich zur Armee eingezogen werden sollte. Wer noch nicht gedient hat, bekommt keine Reisedokumente. Ich war gezwungen, den gefährlichen Landweg zu nehmen. Ein Freund von mir ist dabei gestorben, er wurde erschossen, aber was sollte ich tun? Ich entschied mich, das Risiko einzugehen, anstatt zu bleiben und in ständiger Todesangst zu leben.

Zu Fuß ging es über die Berge vom Iran in die Türkei, wo ich meine Mutter traf. Mit dem Auto und einem Boot gelangten wir schließlich nach Griechenland. Wir fuhren in einem Transporter weiter. Darin waren 52 Menschen eingepfercht, wir konnten kaum atmen. Einmal, das war in der Türkei, schoss ein Mann vom Straßenrand aus auf unser Auto. Eine Kugel traf einen von uns in die Kehle und tötete ihn. Eine weitere flog knapp an meiner Mutter vorbei, streifte sie am Scheitel. Die Flucht war nicht leicht für meine Mutter. Wir waren mehr als 40 Tage unterwegs, schliefen oft in Parks oder auf der Straße, es war kalt und wir mussten uns nächtelang zu Fuß durch die Wälder schlagen. Einmal sind wir von der Grenzpolizei weggelaufen.