Wien. Die Wienwoche startet am 18. September. Die beiden Leiter Radostina Patulova und Can Gülcü über "Tschuschenfragen" und "Migrant Mainstreaming".

"Wiener Zeitung": Der Slogan für das Festival lautet "Harmonija naja ..." - wie harmonisch beurteilen Sie derzeit die Situation in Wien?

Radostina Patulova: Die Konfliktfähigkeit der Wiener ist gar nicht so schlecht. Manchmal bleibt es aber beim Raunzen stehen, wo es wichtig wäre, den Streit auch auszutragen. Leider stehen wir in der Stadt noch ein wenig in der paternalistischen Tradition der Nachkriegszeit. Die Obrigkeit entscheidet und lässt wenig Raum für Beteiligung zu. Und die meisten Menschen nehmen sich den Raum auch nicht.

Can Gülcü: Die zivilgesellschaftliche Selbstorganisation - wie vergangenen Mittwoch am Westbahnhof, wo die Bevölkerung die Erstversorgung für tausende aus Budapest kommende Flüchtlinge organisierte - zeigt, dass sich engagierte Bürger zunehmend als Gegengewicht zum Staat etablieren.

Das Sujet-Bild des Programmheftes zeigt einen kaputten Autodrom-Scooter. Ist Integration gescheitert?

Gülcü: Intern nennen wir solche Fragen "Tschuschenfragen". Die kriegen wir andauernd gestellt. So im Sinne von "die geben zwar eine halbe Million Steuergeld aus dem Kulturbudget aus, aber für Fragen über Kultur sind sie dann zu sehr Ausländer". Das ist halt die hässliche Fratze des Migrant Mainstreaming. Leute glauben, man habe den Job, weil man Ausländer ist. Und worüber soll denn ein Ausländer sonst reden als über "Ausländerzeug"? Etwa über Kultur? Dieses Einbetonieren einer zugeschriebenen Identität bewirkt, dass wir nicht zu unserer eigenen Arbeit Stellung beziehen können, ohne dass vorab alle anderen Fragen beantwortet sind, bei denen man sich als Ausländer selbstverständlich auskennen muss.

Patulova: Uns fragt man halt nach Integration. Markus Hinterhäuser fragt man gewöhnlich nach Theater, Nicolaus Schafhausen nach bildender Kunst. Und wenn sie nach Integration gefragt werden, dann danach, wie sie die kulturfremden ausländischen Unterschichten aus der städtischen Peripherie in ihre Institutionen und Veranstaltungen zu holen gedenken.