Wien. Als in der Nacht auf Samstag die Flüchtlinge kamen, kamen auch die Helfer. Sie brachten Wasser und Essen, Kleidung und Waschzeug, und einige brachten auch sich selbst, um mitzuarbeiten. Um 9 Uhr bat die Caritas, die am Westbahnhof die Koordination übernahm, noch um Spenden, knapp eineinhalb Stunden später waren die Lager gefüllt: "Bitte derzeit nichts mehr bringen", teilte die Caritas auf Facebook mit.

Doch die Menschen kamen immer noch mit vollen Säcken und Einkaufswägen, der Zustrom riss nicht ab. Das weist auf zweierlei hin. Erstens ist es offensichtlich, dass sich in den vergangenen Monaten bei vielen etwas aufgestaut hat, das sich nun in Hilfsbereitschaft entlädt: das Versagen der Politik bis hinauf auf EU-Ebene, die aufrüttelnden Berichte von ertrunkenen Flüchtlingen, die dramatische Situation in Traiskirchen, die verzweifelte Lage der Schutzsuchenden in Ungarn. Außer mit Geldspenden konnte man bisher wenig tun.

Die zweite Erkenntnis des Wochenendes: Helfen ist gar nicht so einfach. Das Richtige tun zu wollen, ist nicht immer gleichbedeutend damit, auch tatsächlich das Richtige zu tun. Die Caritas musste am Westbahnhof dazu aufrufen, nicht auf die Bahnsteige zu kommen, um das Chaos dort nicht zu vergrößern. Doch einige Wohltäter wollten eben ihre Spenden nicht einfach nur anonym abgeben, sondern sie direkt den Flüchtlingen übergeben. Eine Frau kam mit einem selbst gebackenen Kuchen, zwei Kinder haben Schuhe mitgebracht. Das ist herzlich, allerdings standen sie dann ein wenig ratlos herum. Die Flüchtlinge wurden andernorts verpflegt und ausgestattet.

Helfen ist auch mit Bedürfnissen der Helfenden verbunden, nicht nur mit jenen Adressaten. "Es darf nicht die Selbstdarstellung im Vordergrund stehen, sondern die strukturelle Hilfe muss es", sagt Georg Dimitz, Sozialarbeiter und Vorstandsmitglied des Berufsverbands der sozialen Arbeit. Er ist auch Mitbegründer des Integrationshauses in Wien.

Eingespielte Strukturen

"Die Hilfsbereitschaft freut uns wahnsinnig", sagt auch Tobias Mindler vom Roten Kreuz im Burgenland, das in Nickelsdorf die Koordination übernommen hat. Andererseits: "Sie bringt unsere Strukturen durcheinander." Es sei für freiwillige Helfer oft schwierig zu verstehen, dass nach Prioritäten vorgegangen werde", so Mindler. Wenn Tausende auf einmal ankommen, steht die möglichst reibungslose Versorgung mit dem Nötigsten im Vordergrund, auch wenn einem Flüchtling gerade der Rucksack gerissen ist und er dringend einen neuen benötigt. Doch alles zu seiner Zeit.

Rotes Kreuz und Caritas mussten am Wochenende auch Spender und Helfer bitten, wieder zu gehen, was durchaus schwierig ist, weil es bisweilen als zurückgewiesene Hilfe verstanden wird und in Einzelfällen von den Abgewiesenen auch kaum akzeptiert wurde. Und fraglos ist es auch enttäuschend, wenn sich die eigene Hilfsbereitschaft keine Wege bahnen kann. Aber es ist eben auch eine Aufgabe der NGOs, die Hilfe zu managen. Im Moment nicht benötigt zu werden, bedeutet auch nicht, in Zukunft nicht helfen zu können. Im Gegenteil. Erfahrungsgemäß wird die Hilfe bald benötigt, wenn die erste Welle der Bereitschaft abgeebbt ist.

"Dankbarkeit ist kein Ziel"

Unter den Freiwilligen - am Westbahnhof waren es rund 160 - gibt es viele, die erstmals soziale Arbeit verrichten. Und Helfen will eben auch gelernt sein, einerseits durch das bewusste Zurücknehmen eigener Bedürfnisse. "Dankbarkeit zu bekommen, ist eben kein Ziel von Hilfe", sagt Sozialarbeiter Dimitz. Zum anderen ist es wichtig, eine gewisse Distanz zu wahren. "Empathie ist immer eine Gratwanderung. Sie darf nicht völlig mitschwingen, denn das hilft den Menschen nicht", sagt Dimitz. "Diese professionelle Distanz muss man lernen."

Für einige der Helfer bot das vergangene Wochenende eine Art Schnellkurs darin. Sowohl die Caritas als auch das Rote Kreuz haben ihre Mitarbeiter mit bestimmten Verhaltensregeln gebrieft, damit beispielsweise niemand fotografiert. "Man muss auch aufklären, dass man mögliche Reaktionen nicht persönlich nehmen darf", sagt Mindler.

Auf dem Westbahnhof hatte das Handeln der Helfer dank Caritas Struktur, doch auch dort gab es teilweise chaotische Zustände am Samstag, die tags aber schon viel organisierter waren. Es hingen mehr Informationszettel und die Dolmetscher waren allesamt gut erkennbar. Es ist eben auch "help in progress", und noch mehr am Hauptbahnhof, wo ein loses Netzwerk von Freiwilligen die Betreuung organisiert.

Eine weitere Form der Hilfe war der Konvoi, der am Sonntag von Wien nach Ungarn fuhr, um Flüchtlinge nach Österreich zu bringen. Die Aktion hatte im Vorfeld vor allem aufgrund der ungarischen Gesetzgebung Bedenken geerntet, dann aber recht reibungslos funktioniert. Doch wie wäre die Aktion verlaufen, wenn sich Freitagnacht die Grenzen nicht geöffnet hätten und Zigtausende statt ein paar Hundert um die Plätze gestritten hätten?

Vereinzelt ist es auch passiert, dass sich Familienmitglieder kurz vor der österreichischen Grenze aus den Augen verloren haben. Unklar ist jedoch, warum. Es ist möglich, dass es Missverständnisse bei individuellen Transporten mit Autos gab. In Ausnahmesituationen folgt der richtigen Absicht eben bisweilen ein nicht richtiges Handeln. Andererseits ist es oft auch nicht sehr schlimm, ein bisschen das Falsche zu tun.