Wien. Über müde Gesichter am Wiener Westbahnhof legt sich ein breites Lächeln, die Arabisch-Dolmetscherinnen haben Tränen in den Augen. Zum ersten Mal hält Amir (Name geändert) seinen Sohn am Arm, zum ersten Mal seit einem Jahr sieht er seine Frau wieder. Als der Syrer 2014 nach Österreich floh, war seine Frau schwanger. Inzwischen ist sein Sohn sieben Monate alt; Amir kann kaum glauben, dass sie nun endlich vereint sind. Die Frau, die mit ihrem Bruder und einem Freund vor einem Monat aus Syrien geflüchtet ist, kam am Freitagvormittag mit dem Bus von der ungarischen Grenze am Wiener Westbahnhof an. Bis zum Nachmittag waren es rund 50 Busse, die von Nickelsdorf hier ankamen. Im Vergleich zum vergangenen Wochenende, an dem noch 730 Menschen Asyl beantragten, waren es von Montag bis Donnerstag 1141 Menschen.

Asylanträge bleiben konstant

Insgesamt kamen von Montag bis Freitagmittag 16.000 Flüchtlinge von Ungarn nach Nickelsdorf, durchgereist sind aber deutlich mehr: Von Österreich kamen in den vergangenen sieben Tagen 50.000 Asylsuchende nach München.

Für viele ist Wien also nur ein Zwischenstopp: Während am Donnerstag und Freitag je rund 8000 Flüchtlinge pro Tag nach Österreich kamen, ist die Zahl der Asylanträge seit Mai nicht gestiegen: Es sind nach wie vor rund 300 täglich.

Auch die junge Familie aus Syrien will nicht in Wien bleiben: Bei der Familienzusammenführung habe man ihn alleine gelassen; die Behörden hätten ihn immer nur vertröstet, arbeiten durfte er auch nicht. Er hofft, in Berlin eine Wohnung und Arbeit zu finden. Wie sie nach Deutschland kommen, erklärt ihnen die Dolmetscherin Sarah Selmi. Die junge Frau mit pinkem Kopftuch und schwarzer Lederjacke ist eine von rund 200 Helfenden, die täglich am Westbahnhof im Einsatz sind. Sie arbeiten ehrenamtlich und rund um die Uhr. Am Freitag bekamen sie Besuch von Bundespräsident Heinz Fischer, der sich für ihre Hilfe bedankte. Selmi ist seit Tag eins dabei. Dafür brauche es "schon gute Nerven", sagt sie.

"Alles wird gut"

Vor allem was die Flüchtlinge aus Ungarn berichten, sei furchtbar: Sie müssen auf der Straße schlafen, werden unmenschlich behandelt. Eine Hebamme habe bei der Geburtshilfe ihren Ellenbogen eingesetzt. Was treibt die Wienerin mit ägyptischen Wurzeln, die fließend arabisch spricht, an? "Die Menschen sprechen kein Deutsch, fühlen sich ausgeschlossen und alleine. Oft reicht es, wenn man ihnen sagt: Alles wird gut, auch wenn man nicht weiß, ob es stimmt."