Wien. Fünf Stunden Schlaf und dazwischen Dauereinsatz. Seit Juli ist Peter Hacker (52), früherer Drogenkoordinator und seit 2001 Geschäftsführer des Fonds Soziales Wien, der offizielle Asylkoordinator der Stadt Wien. Wie kräfteraubend sein Job derzeit ist, war ihm auch im telefonischen Interview ein bisschen anzuhören.

"Wiener Zeitung": Wie dramatisch ist die Situation tatsächlich?

Peter Hacker: Bis jetzt hatten wir jede Nacht noch Reserven. Wir schalten täglich zusätzliche Quartierplätze dazu. Im Augenblick haben wir rund 4800 Plätze in größeren Quartieren, die wir im zentralen System registrieren, dazu kommt eine in der Zwischenzeit nicht mehr überschaubare - im positiven Sinn - Zahl an kleineren Quartieren, die von Organisationen, Vereinen, Pfarren zur Verfügung gestellt werden, meist in der Größe eines Autobusses, also 40, 50 Personen. Das sind noch einmal 1000 Notquartiere, die gar nicht mehr ins System eingespeist, sondern von der Leitstelle direkt bespielt werden.

Ist es jetzt leichter geworden, private Quartiere anzubieten?

Selbstverständlich. Wir sind längst im Notfallmodus. Wir suchen Räume für Notbetten, für Hygiene- und für Lebensmittel-Versorgung, wo Menschen einen Zwischenstopp einlegen auf einer Reise. Diese Einrichtungen haben natürlich eine andere Funktion als dauerhafte Asylquartiere.

Ist Wien für noch viel mehr Flüchtlinge gewappnet? Wo gäbe es noch Kapazitäten?

Es gibt noch einiges an Raumressourcen in Wien. Uns wurden einige Dutzend Objekte vorgeschlagen, die wir mit zwei Teams pausenlos überprüfen: Banken, Versicherungen, Immobilienbetreiber. Unser Hauptproblem ist, dass wir ja nicht nur Gebäude brauchen, sondern auch die entsprechende Infrastruktur: Wasser, Toiletten, Betten, Matratzen, damit die Leute nicht auf dem nackten Boden schlafen müssen.

An Hilfsbereitschaft mangelt es also nicht . . .

Überhaupt nicht, die ist unpackbar, das muss man ganz offen sagen. Ich stoße überall auf Unterstützung und komme gar nicht mehr nach, alle anzurufen, die mir via E-Mail oder SMS Hilfe anbieten. Ich führe täglich hunderte Telefonate und meine Mitarbeiter genauso.

Sie wurden im Juli Asylkoordinator -haben Sie das in den vergangenen zwei Wochen jemals bereut?

Nein. Und offen und ehrlich gesagt: Ich finde die jetzige Situation nicht überraschend. Es war nicht die Frage, ob sie kommt, sondern wann sie kommt. Überraschend finde ich nur diejenigen, die jetzt überrascht sind. Und wie manche radikal nicht darauf vorbereitet sind. Wir als Stadt Wien haben auf Funktionieren umgeschaltet. Wir haben eine zentrale Führungsstruktur unter der Leitung des Innenministeriums, das koordiniert, die Gesamtlage einschätzt und auf österreichweiter Ebene organisiert. Wir haben eine fantastisch funktionierende ÖBB, die Unglaubliches leistet. Und wir haben in der Stadt selber eine unglaubliche Zusammenarbeit und ein Zusammenrücken von Bereichen, die in der Öffentlichkeit gar nicht in Zusammenhang gebracht würden, damit wir diese Situation anstandsmäßig und ordentlich über die Bühne bringen. Zum Beispiel betreut Wiener Wohnen jetzt die Reinigung aller Flüchtlingseinrichtungen. Das sind Dinge, an die man sonst gar nicht denkt. Bei den tausenden Flüchtlingen, die in Wien betreut werden, ist das alles eine echte logistische Meisterleistung, die möglich ist, weil alle in einer unglaublichen Art und Weise zusammenhalten. Dass das so gut funktioniert überrascht mich aber nicht, weil ich ja weiß, wie gut die Stadt funktioniert. Zwischendurch hole ich mir aus kleinen Momenten ganz viel Kraft heraus. Wenn ich zum Beispiel mit einem Mitarbeiter in einer neuen Flüchtlingseinrichtung am Hauptbahnhof telefoniere, und im Hintergrund höre ich Kinder lachen und denke mir: Genau dafür machen wir das.