Wien. Bis zu 150.000 Euro: So viel würde die Behandlung eines Patienten mit dem neuen Hepatitis-C-Medikament Sovaldi kosten, das eine 90-prozentige Heilungschance verspricht. Vermutlich jeder, der ein Hepatitis-C-Patient ist, würde sich eine solche Behandlung wünschen. Kaum jemand ist allerdings bereit, für die Gesundheit zu zahlen: durch höhere Sozialversicherungsbeiträge oder Selbstbehalte.

Daher suchen die Krankenkassen, die für heuer einen Verlust von 129,3 Millionen Euro erwarten, nach Einsparungspotenzial - zum Beispiel bei den ihrer Ansicht nach zu hohen Arzneimittelpreisen. Zudem stehen sie unter dem Druck der Gesundheitsreform, wonach sie von 2013 bis 2016 die Kosten um insgesamt 900 Millionen Euro dämpfen sollen. Im ersten Halbjahr sind die Medikamentenkosten laut Hauptverband um zehn Prozent angestiegen. Mit mehr als drei Milliarden Euro jährlich machten diese ein Drittel der Gesamtausgaben aus, der Rest verteile sich auf Ärzte und Spitäler. Da sich bei Letzteren wenig einsparen lässt, bleiben wieder nur die Medikamente übrig.

Das lässt wiederum der Verband der pharmazeutischen Industrie (Pharmig) nicht so auf sich sitzen. Er spricht schon jetzt von Arzneimittelpreisen bei den von den Kassen bezahlten Medikamenten, die laut Studie unter dem Durchschnitt vergleichbarer EU-Länder liegen. Diese wurde am Dienstag gemeinsam mit Vertretern des Pharmagroßhandels und der Apothekerkammer präsentiert. Demnach sind die Kosten in der Distribution via Großhandel und Apotheken ebenfalls niedrig. Auch was die Zahl der verabreichten Dosen (etwa eine Tablette) betrifft, liegt der Verbrauch in Österreich mit 742,4 sogenannten Standard Units pro Jahr unter dem Durchschnitt. Apothekerkammer-Vizepräsident Christian Müller-Uri rechnet mit einer für 2015 erwarteten Steigerung der Kassenausgaben für Medikamente von fünf Prozent. Der Vorsitzende des Hauptverbands, Peter McDonald, kommt allerdings auf sieben bis acht Prozent.

Neuer Rahmen-Pharmavertrag


Diese unterschiedlichen Prognosen sind freilich in einer Hinsicht ganz besonders interessant: Die Pharmig und der Hauptverband verhandeln derzeit einen neuen Rahmen-Pharmavertrag, der die Höhe des freiwilligen Beitrags der pharmazeutischen Industrie an die Krankenkassen regelt. Von 2011 bis 2015 waren das 82 Millionen Euro jährlich, die die Pharmig zur Unterstützung der Leistungsfähigkeit der sozialen Kassen zahlte. Für den neuen Vertrag, der bis Ende 2015 fertig sein soll, hat die Pharmig ein Angebot von 65 Millionen Euro plus fünf Millionen für Gesundheitsziele vorgelegt - der Hauptverband fordert jedoch 125 Millionen Euro.

"Die Problematik kommt aus einer ganz anderen Richtung", sagt dazu Gesundheitsökonom Thomas Czypionka, Leiter der IHS HealthEcon, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Dank fortschreitender Biotechnologie werden in den nächsten Jahren einige innovative Produkte auf den Markt kommen, die die Arzneimittelpreise in die Höhe treiben werden." Das eingangs erwähnte Hepatitis-C-Medikament ist eines davon. Durchschnittswerte aus der Vergangenheit seien daher wenig aussagekräftig, wenn es um die Zukunft geht.

In der aktuellen Debatte gebe es kein Gut oder Böse, kein Richtig oder Falsch. Sondern: "Es gibt ja zwei Seiten der Realität, an denen die beiden zu kiefeln haben. Das eine wären die Innovationen, das andere aber das geringe Wirtschaftswachstum, das die Finanzierungsmöglichkeiten beschränkt", so Czypionka. Tatsache sei, dass man Patienten den Fortschritt nicht verwehren könne - und das wüssten Hauptverband und Pharmig.

Ein Hoffnungsschimmer waren die Generika. Bis es von den neuen, hochpreisigen Medikamenten billige Kopien geben wird, werden allerdings noch Jahre vergehen - für gewöhnlich um die 20. Erst dann darf ein Generikum auf den Markt kommen, das um 48 Prozent billiger als das Original sein muss. In weiterer Folge muss der Preis des Originals um mindestens 60 Prozent gesenkt werden. Gleichzeitig fallen die Preise der Generika weiter, was freilich den Kassen zugute kommt. Aktuell ist bereits jede zweite Verordnung halb so teuer, wie es das Original war. Ärzte sind zudem angehalten, das billigste Medikament mit gleicher Wirkung zu verschreiben - sofern es dieses schon gibt.