Wien. (apa/temp) 2015 dürften laut Schätzungen der Behörden mehr als 500.000 Flüchtlinge das Staatsgebiet betreten, 85 Prozent davon seien Durchreisende. Rund 80.000 Personen werden einen Asylantrag stellen, sagte Bundespräsident Heinz Fischer gestern bei seiner Fernsehansprache zum Nationalfeiertag. Es war seine letzte Rede dieser Art: Im Frühling 2016 wird Fischers Nachfolger oder Nachfolgerin gewählt.

Die Ansprache des Bundespräsidenten stand ganz im Zeichen der Flüchtlingskrise. Fischer, der den Nationalfeiertag um 9 Uhr mit der Kranzniederlegung vor der Krypta und beim Weiheraum am Burgtor offiziell begonnen hatte, warb bei der Bevölkerung um Verständnis für die Asylsuchenden. Es werde sorgfältig geprüft, ob ein Asylgrund vorliegt, betonte er. "Natürlich gibt es viele Österreicherinnen und Österreicher, die sich Sorgen machen, Unsicherheit verspüren und sich vor Belastungen fürchten, die mit dieser Flüchtlingsbewegung verbunden sind." Fischer appellierte, sich in die Notsituation der Flüchtlinge zu versetzen, denn: Es handle sich nicht um eine anonyme Masse, sondern um Menschen mit individuellen Schicksalen.

"Sicherheit garantieren"

Der Bundespräsident hielt aber auch fest, dass jene, die in Österreich Zuflucht suchen, die Rechtsordnung beachten und respektieren müssten. Was die Sicherheit des Staates betrifft, erklärte er: "Wir können und werden nicht darauf verzichten, ein souveräner Staat zu sein, der die Sicherheit unserer Bürger garantiert." Gleichzeitig bedankte er sich für das Engagement der Österreicher bei der Flüchtlingsbetreuung.

Österreichs Neutralität und der Beschluss des Neutralitätsgesetzes vor 60 Jahren sind für Fischer "Ausdruck einer Friedensgesinnung, die den Krieg nicht als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln betrachtet und die Hauptaufgaben unseres Bundesheeres in der Landesverteidigung, in der Beteiligung an internationalen Friedensaktionen und in der Unterstützung unserer verfassungsmäßigen Einrichtungen sieht."

Rund 1360 neue Rekruten wurden am Montag auf dem Heldenplatz bei strahlendem Herbstwetter angelobt. Auch Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) widmete sich in seiner Rede im Zuge der Angelobung dem Flüchtlingsthema. Der Umgang damit "ist für Europa zur Nagelprobe geworden", ob die europäische Solidarität nur "eine leere Formel" sei oder nicht, betonte er.

EU als Friedensprojekt

Gerade hinsichtlich der Kriegs- und Krisenereignisse solle man sich darauf besinnen, dass Frieden zu schaffen und dauerhaften Frieden zu sichern nur am Verhandlungstisch möglich sei, so Faymann. Verteidigungsminister Gerald Klug (SPÖ) würdigte die EU als "Friedensprojekt von historischer Bedeutung".

Für Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) ist der Nationalfeiertag ein Sinnbild für Freiheit, Souveränität und Demokratie. 1955 sei die Basis für den Weg in eine starke europäische Zukunft gelegt worden - in der Flüchtlingsfrage brauche es eine gesamteuropäische Vorgangsweise.

Nach den Spitzen der Republik sprachen wie jedes Jahr auch Religionsvertreter auf dem Heldenplatz, wobei heuer erstmals ein Imam darunter war. Gut ein Dutzend rechtsextreme "Identitäre" hielten Zettel mit den Aufschriften "Imam geh ham" und "Nicht mit uns" hoch. Andere Besucher versuchten, den Rechtsextremen diese Zettel zu entreißen.

Insgesamt waren mehr als 1,5 Millionen Besucher laut Militärkommando Wien von Freitag bis Montag auf den Heldenplatz gekommen, unter anderem, um die Leistungsschau des Bundesheeres zu sehen. Das sei ein neuer Rekord. Nächstes Jahr wird die Leistungsschau wegen mehrerer Baustellen woanders stattfinden - im Gespräch ist zum Beispiel die Donauinsel.