Als Jugendlicher geriet Ahmad Mansour in seinem Heimatland Israel in die Fänge der radikalen Muslimbruderschaft. Er wurde zu einem radikalen Islamisten, erst sein Studium in Tel Aviv half ihm, sich vom Islamismus zu distanzieren.

Immer mehr Jugendliche radikalisieren sich, viele ziehen tatsächlich in den Dschihad. Sie seien nur "die Spitze des Eisbergs", sagt Ahmad Mansour. - © Christoph Liebentritt
Immer mehr Jugendliche radikalisieren sich, viele ziehen tatsächlich in den Dschihad. Sie seien nur "die Spitze des Eisbergs", sagt Ahmad Mansour. - © Christoph Liebentritt

Heute lebt er in Deutschland. In seinem jüngst erschienen Buch "Generation Allah" schildert er vor seinem eigenen Hintergrund, wie Radikalisierung funktioniert – und zeigt Wege für eine sinnvolle Präventionsarbeit auf. Im Rahmen der "Buch Wien" sprach er am Freitag Abend im Wiener "Bruno Kreisky Forum für internationalen Dialog."

"Wiener Zeitung": Sie sprechen in ihrem neuen Buch von einer ganzen Generation, für die ihre Religion zentral und identitätsstiftend geworden ist. Was ist passiert?

Ahmad Mansour
: Ich schreibe in "Generation Allah" nicht nur über Jugendliche, die sich radikalisieren oder in den Dschihad ziehen. Das ist nur die Spitze des Eisberges. Es geht hier um eine Generation junger Menschen, Frauen wie Männer, für die ihre Religion nicht nur identitätsstiftend geworden ist, sondern deren Religionsverständnis hochproblematisch sein kann.

Inwiefern?

Diese Jugendlichen verstehen ihre Religion als eine ausschließende Ideologie. Ihr Religionsverständnis distanziert sie selbst von demokratischen Werten, vom Grundgesetz. Das sind Jugendliche, die sehr problematische Geschlechterrollen in sich tragen, die mit Gleichberechtigung nicht vereinbar sind. Das sind Jugendliche, die an einen bestrafenden Gott glauben, die eine Art von Exklusivitäts-Anspruch, einen Anspruch auf absolute Wahrheit, was ihre Religion angeht, in sich tragen.

Da findet eine Selbstaufwertung, eine Aufwertung ihrer Religionsgemeinschaft statt, verbunden mit einer Abwertung von allem anderen. Sie tabuisieren Sexualität, weil sie damit etwas Falsches, Sündhaftes verbinden. Das kann für die Entwicklung von Jugendlichen hochproblematisch sein. Viele haben massiv antisemitische Einstellungen. Sie glauben an einen patriarchalen, bestrafenden Gott. Sie glauben an Verschwörungstheorien, sie teilen die Welt in Opfer und Feindbilder, in schwarz und weiß. Durch all das sind diese Jugendlichen natürlich anfällig für Radikalisierung. Das bedeutet nicht, dass sie alle in die islamistische Szene abrutschen. Aber sie bilden den Pool, aus dem die Radikalen ihre zukünftigen Mitglieder fischen. Auf der politischen Ebene ist diese Wahrnehmung leider nicht vorhanden.

Wie funktioniert eine etwaige Radikalisierung?

Die sogenannten Experten, die nur von einem oder zwei Gründen für diese Entwicklung ausgehen, verhindern eine lösungsorientierte Diskussion. So kann kein Bewusstsein für das Problem entstehen. Wer sagt, dass das Jugendliche sind, die diskriminiert werden, die Versager sind, und sich deshalb radikalisieren, hat das Problem nicht verstanden.

Erstens haben wir es mit einer Generation zu tun, für die Religion einfach wichtiger geworden ist – egal in welcher Glaubensrichtung. Sie wird wichtiger, weil sie Sicherheit gibt, weil sie Orientierung und Halt anbietet – in Zeiten des postglobalen Wertewandels, der zunehmenden Verunsicherung und einer immer schwieriger werdenden Zukunftsplanung. Viele kommen damit klar, andere aber suchen Sicherheit. Wir erleben überall auf der Welt eine Renaissance der Religion.

Zweitens ist die "Generation Allah" nicht von heute auf morgen entstanden. Sie hat sich aufgrund jahrzehntelanger Missionierungs-Arbeit zahlreicher muslimischer Vereine und Verbände herausgebildet. Diese haben den Jugendlichen erst die Möglichkeit ihres spezifischen Religionsverständnisses angeboten. Und drittens sind die Islamisten die einzigen, die verstanden haben, wie die Jugendlichen eigentlich ticken.

Wie funktioniert das?

Sie machen den Jugendlichen Angebote. Wenn sie heute auf Facebook oder YouTube einfach nach dem Begriff "Islam" suchen, finden sie unfassbar viele Inhalte, die salafistisch oder islamistisch ausgerichtet sind. Die Gruppe der Radikalen ist eigentlich klein, aber sie beherrscht die Sprache des Internet perfekt – und sie sprechen Deutsch.

Sie wissen, dass viele Jugendliche in den Moscheen nichts verstehen, weil sie die Sprache der Länder ihrer Eltern oder Großeltern nicht oder nur zum Teil verstehen. Sie haben begonnen, die Jugendlichen da anzusprechen, wo diese sich stundenlang aufhalten. Dazu kommt, dass wir als Mehrheitsgesellschaft nicht klar kommunizieren, welche Werte wir überhaupt vermitteln wollen. Es entsteht Unsicherheit, die vom politischen Islam ausgenutzt wird. Auch psychologische Gründe spielen eine Rolle, etwa die Suche nach Vaterfiguren, oder latente Depressionen der Jugendlichen.

Auch in Österreich gibt es, vor allem vor dem Hintergrund der Flüchtlingsbewegungen, eine Diskussion über Werte, die zusehends polarisiert geführt wird. Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) hat angekündigt, verpflichtende Werteschulungen einzuführen. Ist das sinnvoll?

Das Problem ist, dass der Begriff "Werte" eher ein Allgemeinplatz ist. Jeder interpretiert diesen Begriff selbst, im Vordergrund stehen die eigenen Überzeugungen. Diese Überlegung ihres Außenministers ist gut, kann aber nur ein Anfang sein. Zuerst müssen wir in der Mehrheitsgesellschaft übereinkommen, was verhandelbar ist und was nicht. Sind Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Gleichberechtigung verhandelbar?

"Werte" ist zu allgemein, deshalb auch die Polarisierung der Debatte. Ich finde es fatal, dass wir die Diskussion aktuell nur in Bezug auf die Flüchtlinge führen, wenn unter uns eine Generationen lebt, die unsere Werte ablehnt. Zuerst müssen wir verstehen, welche Fehler gemacht wurden, welche politischen Missstände dazu geführt haben, dass wir die "Generation Allah" teilweise verloren haben. Sonst werden wir bei den jetzt Ankommenden die gleichen Fehler machen. Die aktionistischen Handlungen der Politik zeigen, dass die Entscheidungsträger völlig überfordert sind, in Österreich wie auch im übrigen Europa.

Kritik an der Arbeit von muslimischen Vereinen und Verbänden wird in Österreich fast ausschließlich der politischen Rechten überlassen. Der unlängst von seiner Partei abgewählte grüne Bundesrat Efgani Dönmez sagt sogar, die Koalitionsparteien brauchen diese Vereine, weil sie für sie Wähler mobilisieren.

Das ist ein fatales Signal. Nur weil gewisse Verbände vorgeben, demokratisch orientiert zu sein, müssen sie das nicht sein. Wir brauchen eine genaue Analyse, was in diesen Vereinen geschieht, welche Form des Glaubens dort vermittelt wird.

Ich möchte eine Politik, die Verantwortung übernimmt. Es geht nicht darum, vier Jahre lang irgendwie zu bestehen und sich dann zu bemühen, die nächsten Wahlen zu gewinnen. Geht es tatsächlich um die Gesellschaft? Oder ist es einfach nur "sexy", mit Muslimen zu arbeiten? Der politische Islam hat sich verbreitet, weil er sehr gut strukturiert ist, weil er vom Ausland gefördert wird, aber auch, weil die Mehrheitsgesellschaft die Muslime auf die Religion reduziert hat.

Es gibt genug liberale Muslime, auch in Österreich, die von diesen Verbänden diffamiert werden. Diese Gruppe gilt es besonders zu unterstützen. Das sind die Partner, die ohne Wenn und Aber für die Grundgesetze einstehen – ohne dabei im Widerspruch zu ihrer Religion zu stehen. Die Muslime sind Teil dieser Gesellschaft. Wer für Muslime andere Maßstäbe anlegt als für alle anderen Gruppierungen in der Gesellschaft, ist ein Rassist, der aufgrund religiöser Zugehörigkeit differenziert.

Treibt umgekehrt der Generalverdacht, in jedem Muslim einen potentiellen Islamisten zu sehen, Jugendliche nicht erst recht in die Arme der Radikalen?

Ich halte diese Ansicht für unsinnig. Die Flüchtlinge sind Leute, die vor den Islamisten flüchten. Die Islamisten bei uns sind das Produkt der österreichischen Politik, die Jugendlichen der "Generation Allah" sind hier geboren und aufgewachsen. Andererseits habe ich es echt satt, dass wir Muslime uns immer in der Opferrolle sehen. Klar ist ein solcher Generalverdacht ein Problem, das wir ernst nehmen müssen. Es kann aber nicht sein, dass wir deshalb eine innerislamische Debatte verweigern. Wir müssen uns die Frage stellen, wie das "Monster politischer Islam" entstehen konnte. Die Islamisten haben ja nichts Neues erfunden. Wie können wir unseren Glauben leben und vermitteln, ohne dass Islamisten daran anknüpfen können? Ja, Muslime sind auch Opfer von Diskriminierung, das darf uns aber nicht daran hindern, Verantwortung zu übernehmen. Es ist zu einfach zu sagen "das hat alles mit dem Islam nichts zu tun."

Welche Rolle spielt das Elternhaus in der "Generation Allah" und bei einer möglichen Radikalisierung?

Die radikalisierten Jugendlichen werden immer jünger, zudem trifft es immer mehr junge Frauen. Radikalisierung hat in der Tat viel mit Erziehungsmethoden zu tun. Oft fehlt eine Vaterfigur als Vorbild, oft ist auch die patriarchale Erziehung der Jugendlichen ein Problem. Ich kenne Eltern ohne Migrationshintergrund, die austicken, wenn sie erfahren, dass ihr Kind den Islam annimmt. Muslimische Eltern reagieren leider meist sehr spät. Sie sind zuerst stolz, dass ihre Kinder die Religion entdecken, keinen Alkohol mehr trinken, nicht mehr ausgehen und stattdessen die Moschee besuchen. Dass sie bereits dabei sind radikal zu werden, bekommen sie so meist gar nicht mit. Erst wenn das familieninterne Vertrauensverhältnis zerstört ist, melden sich die Eltern. Die Scham, die sie empfinden, wenn sie merken, dass ihr Kind in die Islamistenszene abgerutscht ist, lässt sie lange zögern, bis sie sich nach Beratung umsehen.

Sie schreiben, Salafisten sind die besseren Sozialarbeiter. In Wien gab es immer wieder Gerüchte, Muslime würden unter den jungen Flüchtlingen missionieren.

Die Flüchtlinge kommen  offen und erwartungsvoll zu uns nach Europa. Sie wollen gar nicht mit Islamisten zu tun haben, jedoch wissen wir, dass die Salafisten missionieren und dass sie sehr aktiv vor Asylheimen stehen. Gerade die jugendlichen Flüchtlinge ohne Familie und mit oft traumatischen Erfahrungen können in der Zukunft anfällig für solche Angebote werden. Wir können und müssen Perspektiven schaffen, ihnen Zugang zur Mehrheitsgesellschaft ermöglichen. Dann werden sie nicht ansprechbar für solche Gruppierungen sein.

Die neue ÖVP-FPÖ Koalition in Oberösterreich hat als eine erste Maßnahme Deutsch zur verpflichtenden Sprache in den Schulpausen bestimmt. Wie denken Sie darüber?

Ich halte das für ein Armutszeugnis. Das ist nicht nur nicht hilfreich, sondern kontraproduktiv. Natürlich ist der Erwerb der deutschen Sprache zentral für den Integrationsprozess. Die Sprachenvielfalt nicht als Chance und Bereicherung zu sehen ist dumm. Die Sprache der Herkunftsländer zu beherrschen muss im Gegenteil gefördert werden.

Was würden sie der österreichischen Zivilgesellschaft und der Politik raten?

Das Problem ist ein gesamtgesellschaftliches. Wer sind unsere Partner, wer ist Teil des Problems? Jeder kann dazu beitragen, dass ein Bewusstsein entsteht. Wir müssen versuchen, ein Wir-Gefühl zu schaffen. Man muss damit aufhören, Menschen die bei uns geboren und aufgewachsen sind, immer nur als Fremde, Ausländer und als Muslime zu sehen. Sie sind Teil der österreichischen Gesellschaft, so wie das Problem "Generation Allah" Teil der Gesellschaft ist. Es hilft nicht, immer erst dann zu diskutieren, wenn es Anschläge gegeben hat.

Wir brauchen nachhaltige Konzepte, Programme und Aufklärung, wir müssen die Schulen wieder zu einem Sozialisationsraum machen, wo kritisches Denken gelernt werden kann, wo Diskussions- und Streitkultur praktiziert und erlernt wird. Wir müssen bereit sein, sehr viel Geld in die Hand zu nehmen, um die "Generation Allah" zu retten. Das ist eine Aufgabe, die viel mehr kosten wird als die Rettung der Banken.