40 Prozent der Arbeitszeit verbringen Ärzte mit Dokumentation und Administration. - © corbis_fancy
40 Prozent der Arbeitszeit verbringen Ärzte mit Dokumentation und Administration. - © corbis_fancy

Wien. "Nach dem Medizinstudium wird man in Österreich ins Leere geworfen", sagt Philipp St. (Name der Redaktion bekannt). Er absolvierte seine Ausbildung zum Facharzt der Psychiatrie in der Schweiz. Warum er sich für eine Berufsausbildung im Ausland entschlossen hat, kann er sehr genau sagen: "In Österreich wird man als Neueinsteiger in die Medizin nicht gefördert. Die Ausbildung hat keinen guten Ruf."

Phlipp St. ist allerdings schon 2011 ins Ausland gegangen. Seither gibt es eine neue Ärzteausbildung, die das österreichische Niveau der Jungmediziner auf europäisches und internationales anhebt. Damit wird zwar einerseits die Ausbildung verbessert, andererseits aber auch die Migrationsfähigkeit ins europäische Ausland erleichtert, was den Ärzteabfluss weiterhin verschärft.

Zugangsbeschränkung zu
den Ambulanzen gefordert


Zusätzlich erzeugt die Senkung der Ärztearbeitszeit in den Spitälern von 60 auf 48 Stunden mehr Arbeitsdruck - immerhin 20 Prozent weniger Ärztearbeitszeit. Das und die Ärzteabwanderung nimmt die Kurie der Spitalsärzte in der Ärztekammer zum Anlass, um zu warnen: "Den Spitälern gehen die Ärzte aus."

Ärztekammervizepräsident und Kurienobmann der Spitalsärzte, Harald Mayer, forderte daher am Mittwoch in einer Pressekonferenz Abhilfe von der Politik: Es müsse erstens der Zustrom in die Ambulanzen geregelt werden. - Mayer sprach sich für eine Zuweisung durch einen Vertrauensarzt aus. Zweitens müssten die Ärzte von Administration und Dokumentation, was 40 Prozent ihrer Arbeitszeit beanspruche, entlastet werden. Hier sei viel Potenzial zu heben. Und drittens forderte Mayer, dass mehr Verantwortung an die Pflegekräfte abgegeben wird.

Derzeit sind etwa 3000 in Österreich ausgebildete Ärzte im Ausland, der Großteil in Deutschland (2600), gefolgt von England und der Schweiz. Seit dem Jahr 2000 haben 7000 Ärzte das Land verlassen.

Jährlich beenden 1300 bis 1400 junge Menschen das Medizinstudium, aber 500 von ihnen gehen entweder ins Ausland oder überhaupt in einen anderen Beruf. 250 Millionen Euro pro Jahr gingen damit verloren. Die Ärztekammer sieht darin "einen unglaublichen Braindrain und eine Vernichtung von Volksvermögen".

"Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass der Arbeitsmarkt nicht Österreich, sondern zumindest der deutschsprachige Raum ist", gibt Gesundheitsökonom Thomas Czypionka zu bedenken. Österreich könne sich nicht mehr auf den Standpunkt stellen, "wir produzieren für den eigenen Bedarf. Diese Zeiten sind vorbei." In Zukunft könnten noch viel mehr Uni-Absolventen Österreich verlassen.

Bevorzugung von Privatpatienten bei MRT


In der aktuellen Debatte um die Bevorzugung von Privatpatienten bei einem Termin für eine CT- oder MRT-Untersuchung spielt die kürzere Ärztearbeitszeit ebenfalls eine Rolle. Viele Patienten würden von den Spitälern an Institute verwiesen, sagt der Kärntner Radiologe Manfred Baldt, Sprecher der Institute für Bildgebende Diagnostik.

Bernhard Wurzer vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger hatte wegen der Bevorzugung von Privatpatienten mit einer Klage gedroht. "Die langen Wartezeiten haben in Wahrheit eine einzige Ursache: Die Untersuchungen wurden ab 2010 durch den Hauptverband gedeckelt, gleichzeitig steigt der Bedarf und dadurch entstehen Wartezeiten", konterte Baldt.