Zur Solidarität braucht es offenbar ein gewisses Maß an wechselseitiger Identifikation und Empathie. Wenn sich Migranten in die Gesellschaft hineindenken können, werden sie sich ihr gegenüber solidarischer verhalten. Umgekehrt gilt dies genauso. Jedoch werden gegenwärtig fast ausschließlich die Differenzen durchdekliniert, und zwar jene, die eine negative Distinktion zu "unseren Werten" darstellen: Anti-Liberalität, Antisemitismus, veraltetes Frauenbild und so weiter. Auf Gemeinsamkeiten wird so gut wie gar nicht hingewiesen, und auch nicht auf positive Unterschiede, etwa die in muslimischen Ländern ausgeprägte Gastfreundschaft.

Das Flüchtlingsthema steht dabei nur als Beispiel für die Notwendigkeit innerhalb einer Gesellschaft, sich in Lage und Lebensweise des anderen hineinversetzen zu können. Und da könnte die Polarisierung, dieses Auseinanderkippen der Lebenswelten, eine unheilvolle Rolle spielen, die weit über die Frage hinausgeht, ob und in welchem Ausmaß Zuwanderern Sozialleistungen zustehen.

Es hat auch, aber nicht nur mit der wachsenden Ungleichheit zu tun. Ökonomische Unterschiede tragen zwar auch zur Heterogenisierung bei, können aber einfacher wegimaginiert werden, notfalls mit Hilfe eines vorgestellten Lotto-Gewinns im positiven oder dem Verlust des Arbeitsplatzes im negativen Fall. Wenn aber zusätzlich noch die Lebensweise des anderen auf Unverständnis oder gar Ablehnung stößt, fällt die Identifikation schwerer. Zumal die verbindenden Elemente zwischen den Lebenswelten weniger zu werden scheinen.

Auch hier gibt Chicago einen Blick in die Zukunft. Ethnische Segregation kennen die Städte in den USA schon lange, nun wird dies aber mit einer räumlichen Trennung nach Lebensweisen ergänzt. Nirgendwo in Chicago gibt es so viele Künstler, Kreative und Studenten wie rund um die North Milwaukee Avenue. Wie immer man auch dieses Phänomen benennt, gekennzeichnet wird es jedenfalls durch eine Mainstreamisierung von alternativen, man kann auch sagen: individualistischen Lebensweisen. Es gilt, wie anfangs erwähnt: Das Besondere wird zum Normalen.

Das betrifft auch die Arbeitswelt. Freiberuflichkeit wird zum Ideal, auch in Österreich steigt der Anteil der Selbständigen stetig. Der Wunsch nach beruflichen Selbstbestimmung mag naheliegend sein. Die Kehrseite ist, dass es die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt verstärkt und gleichzeitig die Möglichkeit, gemeinsam, in der Regel gewerkschaftlich, für bessere Bedingungen und einen höheren Anteil am Profit zu kämpfen, schwächt. Bezeichnenderweise offenbart sich auch bei Gewerkschaften ein innerer Verteilungskampf zwischen Jung und Alt.

Der Trend zur Selbständigkeit könnte auch insofern die Segregation fördern, da größere Büros und Betriebe auch Orte sind, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft und mit divergierenden Lebensweisen zusammenkommen. Wenn dies komplett wegfällt, schwächt dies die wechselseitige Identifikationfähigkeit, die wichtig für Solidarität und Sozialstaat ist.

Es begünstigt eher das Entstehen einer Art Parallelgesellschaft, die bisher fast nur im Zusammenhang mit Zuwanderern aus muslimischen Ländern beschrieben wird: türkische Kulturvereine, islamische Kindergärten, Supermärkte und Lokale. Um die North Milwaukee Avenue in Chicago hat sich jedoch längst eine vergleichbare Parallelgesellschaft mit entsprechender Infrastruktur gebildet, mit Cafés, Tattoo-Studios, Ateliers und Co-Working-Spaces. Es ist eine Welt für sich, eine Welt, die nach innen gut funktioniert. Wohl auch wegen ihrer Homogenität. Doch gesamtgesellschaftlich?