Wien. Ab kommendem Jahr dürfen gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren - und zwar uneingeschränkt. Der Grund dafür ist die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs (VfGH), das Adoptionsverbot für Homosexuelle aufzuheben. Und die Entscheidung des Justizministeriums, nach dem Urteil keine legistischen Änderungen vorzunehmen. 

Am 14. Jänner hatte der VfGH das Verbot für homosexuelle Paare aufgehoben, nicht leibliche Kinder zu adoptieren. VfGH-Präsident Gerhart Holzinger begründete die Entscheidung damals damit, "dass es keine sachliche Rechtfertigung für eine ausschließlich nach der sexuellen Orientierung ausgerichtete differenzierende Regelung gibt". Grundlage dafür war Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK), der das Recht auf ein unversehrtes Privat- und Familienleben regelt. Dieses gelte eben auch für Homosexuelle. Während die SPÖ das Urteil damals begrüßte, zeigte sich der Koalitionspartner ÖVP weniger euphorisch. Vizekanzler Reinhold Mitterlehner erklärte damals, das Urteil zu respektieren, aber weiterhin die traditionelle Mutter-Vater-Kind-Familie zu forcieren.

Seit 2013 dürfen Lesben und Schwule die leiblichen Kinder ihres Partners adoptieren. Dieser Liberalisierung war wiederum eine Klage vor dem Europäischen Gerichts für Menschenrechte vorausgegangen. Dieser hatte Österreich wegen des Verbots verurteilt. Außerdem dürfen Homosexuelle nach wie vor als Einzelperson ein Kind adoptieren.

Neue Gesetzesregelung doch nicht notwendig

Bis 31. Jänner hätte das Justizministerium Zeit, Nachschärfungen oder ein neues Gesetz zu formulieren. Davon hat Justizminister Wolfgang Brandstetter (ÖVP) aber abgesehen. Die Begründung: Adoptionen seien ohnehin individuell zu prüfen und setzen eine pflegschaftsgerichtliche Genehmigung voraus. Bei Adoptionen von Minderjährigen ist außerdem immer die Jugendwohlfahrt involviert, die im Einzelfall das Kindswohl beurteilen muss.

"Natürlich ist das ein Fortschritt. Aber diesen haben wir nicht der Bundesregierung, sondern den Gerichten zu verdanken", sagt Marco Schreuder, Sprecher der Grünen Andersrum, zur "Wiener Zeitung". Er sieht noch Nachholbedarf was die gleichgeschlechtliche Ehe betrifft. Außerdem warnt er vor Diskriminierung im Adoptionsverfahren selbst. Etwa, wenn zum vermeintlichen Wohle des Kindes von den zuständigen Beamten entschieden wird, dass ein Kind lieber einem heterosexuellen als einem homosexuellem Paar zugesprochen wird.

Laut dem Justizministerium gab es 291 Fälle von Adoptionen von Minderjährigen im Jahr 2014. 2015 waren es bisher 220. Hierbei sind alle Adoptionen eingerechnet, also solche von den leiblichen Kindern des Partners, von heterosexuellen Paaren und Einzelpersonen. In der Regel gibt es immer mehr Bewerber, als es Kinder zu adoptieren gibt. Die Magistratsabteilung (MA) 11 etwa, die in Wien unter anderem für Adoptionen zuständig ist, verzeichnete im Vorjahr 43 Adoptivwerber und 25 sogenannte Fremdkindadoptionen - also Adoptionen von nicht leiblichen Kindern. "Die Wartelisten sind lang", sagt Petra Mandl, Sozialarbeiterin bei der MA 11.

Pflegekinder finden nur
schwer Familien

Ganz anders sieht es beim Thema Pflegekinder aus. Hier sei es in der Regel schwieriger, Pflegefamilien zu finden, die sich auf die Bedürfnisse der Kinder einlassen, die ja aus besonders schwierigen Familienverhältnissen kämen, erklärt Mandl. Aktuell sind bei der MA 11 1500 Pflegekinder gemeldet. Anders als die Adoption, ist die Pflegeelternschaft schon seit Jahren für homosexuelle Paare offen. Wie viele solche Paare ein Pflegekind bei sich aufgenommen haben, wird allerdings nicht statistisch erfasst. Ebenso wenig wie viele gleichgeschlechtliche Paare ein Kind adoptieren möchten.

Die Erfahrungen mit der Plfegelternschaft seien aber durchaus positiv, so Mandl. Die sexuelle Orientierung der Eltern spiele fürs Kindeswohl keine Rolle. "Wir machen mit homosexuellen Paaren genau die gleichen Erfahrungen wie mit heterosexuellen. Meistens sehr gute, manchmal eben auch schlechte." Auch die leiblichen Eltern hätten "zu unserer Überraschung" keine Probleme damit, wenn ihre Kinder zu lesbischen oder schwulen Paaren in Obhut kommen. Man habe bisher in Pflegefällen nicht nach der sexuellen Orientierung unterschieden und bei Adoptionen wolle man das künftig ebenso wenig tun, erklärt Mandl.