Wien. (rei) Dass der Wiener Baumeister Richard Lugner für das höchste Amt des Staates antreten will, sorgte am Donnerstag nicht nur bei dessen Pressekonferenz für großes Medieninteresse. Der Privatsender ATV, dessen Reality-Soap-Produktionen Lugner einen bedeutenden Teil seiner Popularität verdankt, hat nun vor, den "Society-Löwen" mit der Kamera zu begleiten, wenn diese in den kommenden Wochen versucht, die für die Kandidatur notwendigen 6000 beglaubigten Unterschriften zu bekommen. Unter dem Titel "Mörtel for President" sollen - nach Ablauf der Unterschriften-Frist am 18. März - vier Folgen im ATV-Unterhaltungsprogramm ausgestrahlt werden. Ein Society-Star will Bundespräsident werden, ein Privatsender, der das in gute Quoten ummünzen will - ist das demokratiepolitisch bedenklich?

Politik der Unterhaltung?


Ja, sagt der deutsche Medienpsychologe Jo Groebel: "Selbst wenn die Programmgestaltung transparent gemacht wird: Das Koppeln von wirtschaftlichen Interessen, die ein Privatsender nun einmal hat und die er über das Spektakuläre zu erreichen versucht, mit der realen Politik, halte ich für grundsätzlich problematisch." Das Ideal der europäischen Medien als vierte Gewalt und Kontrollinstanz werde so in Frage gestellt, ist Groebel überzeugt. Gerade in gesellschaftlichen Krisenzeiten sei es zweifelhaft, Politik und Unterhaltung derartig zu vermengen, gefragt sei gerade jetzt ein seriöser Umgang der Medien mit der Politik. Wer die Lugner-Soaps kenne, dem sei klar, dass diese Lugner in seinem Wahlkampf nicht zum Vorteil gereichen werden, betont man bei ATV. "Sehen Sie es als Satire - die darf ja bekanntlich alles", so ATV-Geschäftsführer Martin Gastinger.