Wien. (jm/rei/apa) Nach dem Büro noch einen wichtigen Termin wahrnehmen, und ist man dann endlich zu Hause, klingelt noch das Telefon und unbeantwortete E-Mails warten im Posteingang. Auch spät abends noch erreichbar zu sein, ist für viele heute zur Selbstverständlichkeit geworden. Dazwischen ein paar Tage abschalten, zumindest am Wochenende? Eine Notwendigkeit. Das Projekt, der Auftrag - und vor allem die Konkurrenz macht aber keine Pause. Wie viel Zeit kostet es denn schon, kurz auf ein E-Mail zu antworten, die Kollegen zurückzurufen oder für den Chef noch schnell etwas zusammenzuschreiben. Vor allem jungen Arbeitnehmern dürfte all das recht bekannt vorkommen. Das Smartphone als ständiger Begleiter macht es nicht nur möglich, sondern ist immer öfter auch notwendig.

Jeder Dritte arbeitet inzwischen auch in der Freizeit - nicht immer freiwillig. - © Tetra Images/Corbis
Jeder Dritte arbeitet inzwischen auch in der Freizeit - nicht immer freiwillig. - © Tetra Images/Corbis

Nicht nur, aber besonders von Jüngeren wird ständige Erreichbarkeit, Flexibilität, Selbständigkeit und Engagement zunehmend erwartet. Sie unterschreiben immer häufiger sogenannte All-in-Verträge, also Pauschalverträge, die auch Arbeit außerhalb der Normarbeitszeit abdecken. All-in-Verträge waren ursprünglich vor allem für Führungskräfte gedacht. Wie aus einer am Donnerstag präsentierten Studie des Ifes-Instituts im Auftrag der Arbeiterkammer Oberösterreich (AK) hervorgeht, hat sich das geändert. Bereits jeder fünfte einfache Angestellte oder Hilfsarbeiter hat einen All-in-Vertrag. Ende 2015 betraf eine derartige Pauschalierung demnach fast jeden fünften österreichischen Arbeitnehmer. "Das sind hochgerechnet über 800.000 Menschen", so Reinhard Raml vom Ifes.

"Die Unsitte All-in-Vertrag kommt immer stärker auch in Branchen zur Anwendung, in denen es gar nicht nötig oder angebracht ist", so Johann Kalliauer, Präsident der AK Oberösterreich. Laut Ifes-Studie hat fast die Hälfte aller Führungskräfte (45 Prozent) einen All-in-Vertrag, je jünger, desto öfter sind leitende Angestellte betroffen. Generell verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit immer stärker. Mehr als ein Drittel der Beschäftigten arbeitet inzwischen in der Freizeit, fast jeder Fünfte (18 Prozent) auch im Urlaub - und 17 Prozent der Befragten können selbst im Krankenstand nicht abschalten.

Unselbständige gehen den Weg der Selbständigen

"Die Unselbständigen gehen gerade den Weg der Selbständigen", sagt Helmut Hofer, Arbeitsmarktexperte des Instituts für Höhere Studien (IHS). "Bei den Selbständigen verschwimmen die Elemente Freizeit, Urlaub und Arbeit schon lange." Für ihn lässt sich das Problem nicht leugnen, dass die Arbeit für Dienstnehmer intensiver wurde. "In vielen Branchen hat man durch die ständige Erreichbarkeit keine richtigen Erholungsphasen mehr", so Hofer.

Dadurch kommt es bei Arbeitnehmern zunehmend zu psychischen Erkrankungen, und die Zahl der Invaliditätspensionen steigt stetig an. Diese treibt Frauen wie Männer laut einer Studie des IHS mit Anfang bis Mitte 50 in den Ruhestand. Nur 40 Prozent schaffen die Rückkehr in den Arbeitsmarkt. "Hier mussman gesundheitlich intervenieren", sagt Hofer. Die Regierung hat sich beim Pensionsgipfel darauf verständigt, dass Versicherte bereits nach vier Wochen Krankenstand zu einem klärenden Gespräch zur Krankenkasse eingeladen werden sollen, um diese Art der Frühpension zu vermeiden. Die neue Arbeitswelt habe laut Hofer aber nicht nur negative Seiten: "Arbeit wird flexibler", erklärt er. "Heute gibt es die Möglichkeit, bei den Kindern daheim zu bleiben und von Zuhause aus zu arbeiten. Das ist natürlich besser auf das Leben der Arbeitnehmer abgestimmt als ein Nine-to-Five-Job." Die Wirtschaftskammer (WKO) betont, dass trotz der Entwicklung den österreichischen Arbeitnehmern im internationalen Vergleich verhältnismäßig viel Freizeit zur Verfügung steht. 38 arbeitsfreie Tage pro Jahr, damit liege Österreich EU-weit im Spitzenfeld, betont Rudolf Trauner, Präsident der WKO Oberösterreich. Und All-in-Verträge würden ein hohes Pauschalgehalt auch dann garantieren, wenn einmal keine Überstunden zu leisten seien, so die Argumentation der Arbeitgebervertreter.

Der von der AK jährlich durchgeführte Arbeitsklima-Index scheint diese These jedoch nicht zu bestätigen. Die Zufriedenheit von jungen Beschäftigten bis 26 mit ihren Arbeitszeiten, den Gestaltungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten und ihren Dienstverhältnissen ist im Vergleich zu 2014 stark rückläufig. Immer mehr Junge schaffen es nur noch in befristete Jobs oder arbeiten Teilzeit. Aufstiegschancen sehen die Jungen kaum.