Wien.(jm) Der Ruf nach Politischer Bildung als Pflichtfach an den österreichischen Schulen wurde in den letzten Jahren gerne und von eigentlich allen politischen Seiten erhoben. Speziell als das Wahlalter von 18 auf 16 Jahre herabgesetzt wurde, erschien es als geeignetes Mittel, um Schüler auf ihre demokratische Mitbestimmung vorzubereiten. Vor kurzem forderte auch Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) nach den Anschlägen in Paris ein entsprechendes Pflichtfach, um Extremismus vorzubeugen. Für ein Pflichtfach, so hieß es aus dem Bildungsministerium, würden dafür die Geldmittel fehlen.

Mit dem Schuljahr 2016/17 wird Politische Bildung für Schüler ab der sechsten Schulstufe (2. Klasse AHS und Neue Mittelschule/NMS) nun aber Pflicht. Allerdings kommt dafür kein eigenes Fach, sondern es kommen Pflichtmodule für das Fach Geschichte: Von den insgesamt neun Themenmodulen werden jeweils zwei Politische Bildung und historisch-politisches Lernen, fünf Module historisches Lernen umfassen.

Ursprünglich war die Einführung der Pflichtmodule schon für Herbst 2015 angekündigt, der Start wurde dann jedoch für ein Pilotprojekt an 53 Schulen verschoben. Die Erfahrungen der Pädagogen sind laut Bildungsressort in den Entwurf für den neuen Lehrplan eingeflossen. Bis Juni soll die Lehrplan-Verordnung beschlossen werden.

Weg von der Chronologie


Edwin Scheiber, Direktor des Wiedner Gymnasiums in Wien, weiß noch nicht wie der neue Lehrplan aussehen wird, da dieser auch für Lehrer noch nicht einsehbar ist. Aber der Pädagoge hat Vorstellungen darüber, was sich ändern sollte. "Es wäre gut, wenn man von der Chronologie des Geschichtsunterrichts weggeht, hin zu mehr Themenarbeit." Etwa die Europapolitik oder die Entwicklung von aktuellen Krisenherden müsste man laut Scheiber mehr in die Schule bringen. "Es ist auch wichtig, dass Schüler im Unterricht die Möglichkeit haben, demokratische Systeme wie die UNO nachzustellen." Das würde mehr Zeit in Anspruch nehmen, aber auch mehr bringen. Vor allem für die Unterstufe wäre Demokratieverständnis wichtig, bevor sie mit 16 zum ersten Mal wählen gehen. "Idealerweise wäre Politische Bildung ein eigenes Fach", so Scheiber. "Die Frage ist nur, wo nimmt man die Stunden weg." Keine Lehrerkurie ließe sich gerne Stunden wegnehmen, "und hat gute Gründe dafür, warum sie die Stunden braucht."

Für das Bildungsministerium ist der neue Lehrplan ein "Meilenstein in der Vermittlung von politischer Bildung und Demokratiekultur". Für Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle, stellvertretende Obfrau der Interessengemeinschaft für Politische Bildung, hat die Lehrplanänderung auf jeden Fall Potenzial: "Es bedeutet schon eine Veränderung des Geschichtsunterrichts, weil es nun Module zur Politischen Bildung gibt, deren Inhalte durchgemacht werden müssen." Entscheidend sei aber die Umsetzung in der Praxis: "Und die steht und fällt sehr stark mit dem Engagement der Lehrerinnen und Lehrer."

Mit der 6. bis 8. Schulstufe sei eine wichtige Altersgruppe von der Lehrplanänderung betroffen, denn bisher hätten Lehrlinge und Pflichtschulabgänger die größten Defizite in der politischen Bildung gezeigt. Jugendliche an den höheren Schulen (AHS, berufsbildende höhere Schulen/BHS) hätten in der Regel schon bisher ein recht hohes Politik- und Demokratiebewusstsein, verweist Stainer-Hämmerle im APA-Gespräch auf Studien zum Thema.

Speziell ist die Situation an den Berufsschulen: Dort gebe es zwar ein eigenes Fach Politische Bildung, das allerdings oft von Lehrern unterrichtet werde, denen noch Stunden fehlen, dementsprechend unterschiedlich sei die Qualität. Bisher war Politische Bildung für die 2. bis 4. Klasse NMS und AHS im Fach Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung verankert, aber nur als sogenannter Kompetenzbereich. An den AHS-Oberstufen wird Politische Bildung im Rahmen des Fachs Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung unterrichtet, an den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) ist Politische Bildung in verschiedenen Kombinationen mit Recht, Geschichte, Zeitgeschichte oder Geografie vorgesehen.

Fehlende Lernmaterialien


Für Stainer-Hämmerle gibt es aber ein Problem: Lehrer müssten sich selbst um Material und die didaktische Umsetzung kümmern. Unterrichtsmaterialien seien zwar vorhanden, aber nicht für alle Schultypen und -stufen und in zu geringem Umfang.