Paris. Sie waren Filmstars in Afghanistan. Jetzt leben Marina Golbahari und Noorullah Asisi in einem heruntergekommenen Asylbewerberheim in Dreux, einem kleinen Städtchen rund 80 Kilometer westlich von Paris. In ihrer Heimat ist ihr Leben durch religiöse Eiferer bedroht, denen Kino und selbstbewusste Frauen ein Dorn im Auge sind.

Das Schicksal der 24-jährigen Schauspielerin mit den funkelnden Augen und ihres vier Jahre älteren Ehemanns steht stellvertretend für die Tragödie eines seit Jahrzehnten von Gewalt und Fanatismus heimgesuchten Landes.

"Mit einem Film kann ich über mein Volk erzählen"

"Kino ist mein Leben", sagt Golbahari, während sie in dem trostlosen, grün und lila gestrichenen Zimmer des Asylbewerberheims in Dreux sitzt. "Mit einem Film kann ich alles über mein Volk erzählen." Die Afghanin war erst zehn Jahre alt, als sie Ende 2001 für die Leinwand entdeckt wurde. Eine internationale Koalition unter Führung der USA hatte gerade die radikalislamischen Taliban von der Macht gebombt, das Land hoffte auf eine Rückkehr zur Normalität.

Golbahari wird zur Titelheldin in dem Drama "Osama", in dem sie ein Mädchen in der Zeit der Taliban-Herrschaft spielt, das sich als Bub verkleidet, um die Familie zu ernähren. Der Spielfilm gewinnt eine Reihe internationaler Auszeichnungen, 2004 sogar einen Golden Globe. Die Schauspielerin mit dem strahlenden Lächeln reiht in den folgenden Jahren einen Film an den anderen.

Über Facebook lernt sie später Asisi kennen. Der gut aussehende, durchtrainierte Schauspieler ist in Afghanistan ein Serienstar, spielt Polizisten und Soldaten im Kampf gegen die Taliban. "Ich war glücklich, ich hatte alles", sagt Asisi heute.

Doch schon bei der Hochzeit des Paares im vergangenen September ziehen dunkle Wolken auf: Asisis Eltern boykottieren die Feier. "Sie haben sich geschämt, denn meine Frau ist Schauspielerin, jeder kann ihr Foto sehen", berichtet der 28-Jährige.

Schauspieler gelten als "Ungläubige"

Dann macht ein Foto die Runde, das Golbahari ohne Kopftuch bei einem Filmfestival in Südkorea zeigt - für konservative Muslime ein Affront. Das Paar erhält Drohungen und beleidigende Anrufe, jemand wirft eine Bombe in den Garten ihres Hauses in Kabul, die aber nicht explodiert. Die Schauspieler ziehen dreimal um. Als sie im November in die französische Stadt Nantes fliegen, wo Golbahari in der Jury eines Filmfestivals sitzt, fordern ihre ebenfalls bedrohten Familien sie auf, nicht zurückzukehren.

"Wenn man in Afghanistan Schauspieler ist, wird man als Ungläubiger angesehen", klagt "Osama"-Regisseur Siddik Barmak, der seit einem Jahr in Frankreich lebt. Seit dem Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan Ende 2014 habe es eine dramatische Rückkehr von "religiösem Konservatismus" gegeben - "nicht nur bei den Taliban".

Zahllose Menschen versuchen aus dem Land zu fliehen, darunter viele Angehörige der Mittelschicht aus Kabul. "Die Lage in Afghanistan wird jeden Tag schwieriger und gefährlicher", sagt Asisi. "Sie haben viele bekannte Menschen attackiert, einige getötet."

Erzwungenes Exil in Frankreich

Für Marina Golbahari ist das erzwungene Exil in Frankreich nur schwer zu ertragen. "Ich habe davon geträumt, in Frankreich zu leben, aber nicht so", sagt sie. Zumal das Paar Übergriffe anderer afghanischer Flüchtlinge fürchtet. "Sie dürfen Marina nicht erkennen", sagt ihr Ehemann. Die Schauspielerin, die wegen eines Kopftuch-Streits nicht in ihre Heimat zurückkehren kann, trägt jetzt ein Kopftuch, wenn sie ihr Zimmer in dem Asylbewerberheim verlässt.

Die beiden Schauspieler hoffen, dass ihre Asylanträge bald bewilligt werden, wollen ihre Filmkarrieren in Frankreich fortsetzen. Doch dem Paar macht die Ferne zu Heimat, Familie und Freunden zu schaffen. "Früher träumte ich von der Zukunft", sagt Golbahari bitter. "Heute blicke ich nur noch auf meine Vergangenheit."