Wien. Der Konjunktiv hat es ja bekanntlich in sich. Sätze, die mit "Hätt i, tät i, war i" beginnen, haben mitunter wenig mit der Realität zu tun. Nun, in diesem Fall sind es gleich mehrere Meinungsforscher, die bei der Verwendung eines Konjunktivs zu einem ähnlichen Schluss kommen. Es geht um die Frage, ob wir ohne Kanzlerwechsel und Regierungsumbildung schon seit Sonntag einen neuen Bundespräsidenten hätten. "Ja", sagt dazu Günther Ogris vom privaten Forschungsinstitut Sora. Und er meint damit Norbert Hofer (FPÖ).

Der Wechsel vom ehemaligen Bundeskanzler Werner Faymann zu Christian Kern (beide SPÖ) in der Vorwoche "ist eindeutig Alexander Van der Bellen zugutegekommen", sagt Ogris. Ohne Kern hätte es vermutlich keine Aufholjagd wie diese, wie die Grünen sie nannten, gegeben. Einer Umfrage des Sora-Instituts zufolge haben 74 Prozent der Wähler Van der Bellens (von den Grünen unterstützt) gesagt, dass sie die Regierungsumbildung positiv beeinflusst habe. Auch die bei der Stichwahl höhere Wahlbeteiligung von rund 72 Prozent sei auf Kern zurückzuführen, so Ogris. Beim ersten Wahlgang gaben nur 68,5 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab.

"Druck wurde rausgenommen"

Auch Meinungsforscher Peter Hajek geht davon aus, dass durch den Kanzlerwechsel und die damit verbundene positivere Stimmung "Druck rausgenommen wurde, von dem Van der Bellen profitiert haben könnte". Wolfgang Bachmayer vom Markt- und Meinungsforschungsinstitut OGM meint ebenfalls -vorerst aus Sicht des Beobachters, wie er sagt -, "dass der Kanzlerwechsel sicherlich die Protestbereitschaft bei der Bundespräsidentschaftswahl verringert hat". "Hätte es diesen Wechsel nicht gegeben, könnte man bei diesem ,arschknappen‘ Ergebnis, wie Van der Bellen es formuliert hat, davon ausgehen, dass Hofer Präsident geworden wäre", sagt Bachmayer zur "Wiener Zeitung". Aus Sicht des Meinungsforschers meint er allerdings, dass der Einfluss dennoch begrenzt ausgefallen sei. Grundsätzlich sei der Protest gegen die Regierung beim ersten Wahlgang stärker zum Ausdruck gekommen - ganz einfach deshalb, weil es damals noch mehr Kandidaten gab, man dadurch "experimentierfreudiger" war und weniger das Amt selbst im Fokus hatte. Bei der Stichwahl sei dieses jedoch in den Vordergrund gerückt, und auch der Kanzlerwechsel habe Bachmayer zufolge "etwas angeschoben".

Profitiert habe Van der Bellen jedenfalls von den Frauen, den unter 30-Jährigen und den Menschen mit höherer Bildung, so die Meinungsforscher. Diese kamen alle zu demselben Schluss, nur die Prozentpunkte variieren geringfügig. Hajek (ATV-Wahltagsbefragung) zufolge wählten 54 Prozent der Frauen Van der Bellen, Sora (im Auftrag des ORF) kam auf 60 Prozent. Bei den Unter-30-Jährigen waren es 56 Prozent (Hajek) respektive 54 Prozent (Sora). Großen Einfluss auf das Wahlverhalten hatte das Bildungsniveau. Personen mit Matura oder Uni-Abschluss wählten Sora zufolge zu 76 Prozent Van der Bellen. Hajek wies nur die Menschen mit Matura aus und kam auf 69 Prozent. Hofer hatte mit einer überwältigenden Mehrheit von mehr als 70 Prozent in der Gruppe der Arbeiter gepunktet - also bei all jenen, die mitunter enttäuscht vom Leben sind, so die Meinungsforscher. Auch auf dem eher konservativen Land hatte Hofer mehr Erfolg. Bei Öffentlich Bediensteten und Angestellten waren die Unterschiede gering.

Einig sind sich die Meinungsforscher auch darin, dass sich die Hofer- beziehungsweise Van-der-Bellen-Wähler des ersten Wahlgangs bei der Stichwahl fast zur Gänze wieder für ihren Kandidaten entschieden. Von den anderen Wählern wusste die Mehrheit schon direkt nach dem ersten Wahlgang, wen sie wählen sollte, so Sora. Letztendlich waren es die ehemaligen Wähler von Irmgard Griss und Rudolf Hundstorfer (SPÖ), die Van der Bellen zum Sieg verhalfen. Die Wähler Andreas Khols (ÖVP) tendierten zu etwa gleich großen Teilen zu Van der Bellen und Hofer. Jene von Richard Lugner gingen mehrheitlich zu Hofer.

Bessere Mobilisierung

Van der Bellen habe also deutlich besser mobilisiert als Hofer -sowohl bei den Wählern der im ersten Wahlgang ausgeschiedenen Kandidaten als auch im Lager der Nichtwähler, heißt es unisono. Das geht auch aus der am Montag veröffentlichten Wählerstromanalyse von Andreas Kohlsche vom Institut für Wahl-, Sozial- und Methodenforschung in Kaufbeuren hervor.

Diejenigen, die ungültig oder gar nicht wählten, taten das, weil sie sich für keinen der Kandidaten entscheiden konnten oder ihr Wahlrecht grundsätzlich nicht wahrnehmen, sagt Hajek. Eine Wahltagsbefragung des ersten Wahlgangs unter 1000 Personen habe ergeben, dass Nichtwähler männlich, jünger und weniger gebildet seien. Gut möglich aber, dass so mancher nach dem tatsächlich "arschknappen" Ergebnis in den Konjunktiv verfällt und nun überlegt, was man mit seiner einzelnen Stimme alles bewegen kann, würde man doch wählen gehen.