Trudy Jeremias (Mitte) ist die Gastgeberin des Stammtisches. - © Bettina Figl
Trudy Jeremias (Mitte) ist die Gastgeberin des Stammtisches. - © Bettina Figl

New York. Alle sind per du. Wer neu ist, stellt sich vor. Und genascht wird Marshmallow-Eis mit Mannerschnitten. Beim Emigranten-Stammtisch, der seit über 70 Jahren in New York wöchentlich stattfindet, geht es informell zu. In Trudy Jeremias Penthouse-Wohnung in der Upper East Side treffen sich Exilanten, Wahl-New Yorker und Durchreisende, um über Politik und Alltag zu plaudern. Gesprochen wird - bis auf wenige Ausnahmen - deutsch.

An diesem Mittwoch ist die österreichische Präsidentschaftswahl Thema Nummer Eins: "Das war wirklich scary. Diese Wahl war viel zu spannend", sagt Jeremias dazu, dass Norbert Hofer das Rennen um Österreichs Präsidentschaftsamt nur knapp verfehlt hat. "Dass Hofer auch nur in die Nähe kommen konnte, ist erschreckend", sagt die 90-Jährige, die mit 13 Jahren mit ihrer Familie vor den Nazis von Wien nach New York geflohen ist.

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Von Hofer hatte Jeremias bis vor ihrem Wien-Besuch vor wenigen Wochen noch nie gehört. Sie war, als Ideengeberin für die Ausstellung "SchwarzÖsterreich", die derzeit im Volkskundemuseum in Wien gezeigt wird, zu dessen Eröffnung eingeladen - und zeitgleich fand in Österreich die erste Runde der Präsidentschaftswahl statt.

"Wahl war nur ein Aufschub"

Zurück in ihrer New Yorker Wohnung wird das Wahlergebnis in der Stammtisch-Runde heftig diskutiert. Man ist sich einig, dass Frauen, Stadtbewohner und Wahlkartenwähler "die Wahl gerettet haben". Thomas Strasser, in New York lebender Österreicher und regelmäßiger Stammtisch-Besucher, ist überzeugt, dass diese Wahl nur ein Aufschub war, und die FPÖ bei den kommenden Wahlen dazugewinnen wird: "Habt ihr die Karten gesehen? Alles blau bis auf die Städte." "Das Land ist das Gefährliche. Die Sprache der Kunst, der Wissenschaft, der Intellektuellen reicht nicht mehr aus. Es bröckelt rund herum", sagt Uli Langanke, ein in Budapest lebender Unternehmer, der betont, er sei "kein Freund der aktuellen Ungarn-Politik". "Gut so, sonst hätten wir dich auch vor die Tür gesetzt", antwortet Jeremias.

Kurt Sonnenfeld, der nach dem "Anschluss" 1938 mit seinen Eltern illegal über die Schweiz nach Paris und schließlich in die USA geflohen ist, kommt fast jede Woche zum Stammtisch. An diesem Abend fragt er in die Runde: "Wo sind die Roten?" Strasser antwortet: "Die Roten gibt’s nicht mehr". Sonnenfeld, der sein Leben der sozialen Jugendarbeit in New York gewidmet hat, erinnert sich an das "rote Wien", und erzählt gerne von den Gemeindebauten auf der Lower East Side, die jenen in Wien nachempfunden sind.

"Wir Jungen tun zu wenig"

Langanke kann das Schwinden der Sozialdemokratie nur bestätigen. Er sagt, er kenne viele Unternehmer im Burgenland, die in der Sozialdemokratie verwurzelt sind, doch inzwischen eher die Nähe von FPÖ-Politikern suchen. "Europa macht das nach, was Ungarn falsch gemacht hat", spielt er auf den Rechtsruck in Ungarn an, und nimmt sich und seine Altersgenossen in die Pflicht: "Wir haben die Kraft zu verhindern, dass das, was eure Generation erlebt habt (den Holocaust, Anm.) sich wiederholt", sagt er zu den Exilanten, "aber wir tun zu wenig, wir lassen die Zersetzung zu".

Jüdische Wurzeln

"Bernie Sanders hat noch Ideale, er fängt die jungen Leute auf", wirft Sonnenfeld ein, doch einige Anwesenden nehmen es dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten übel, dass er seine jüdischen Wurzeln nicht stärker betont und dass er den Weg für Hillary Clinton nicht freimacht. Und schließlich kommt auch noch jener Mann zur Sprache, dem in den USA derzeit niemand auskommt, Donald Trump. "Anfangs haben wir nur gelacht", sagt Jeremias. Strasser hingegen genießt es, den "Endpunkt der republikanischen Partei" mitzuerleben, wie er sagt; Chris Christie und Ted Cruz seien aufgrund ihrer Politik "brandgefährlich" gewesen, doch nun stehen ihre politischen Karrieren vor dem Aus. "Ich hoffe nur, dass Hillary Clintons Wahlkampf besser wird."