- © Ch. Liebentritt
© Ch. Liebentritt

"Wiener Zeitung": Wie wirkt sich die Berichterstattung über Straftaten auf die Gesellschaft aus?

Reinhard Kreissl: Sie hat einen sehr großen Einfluss auf die Gesellschaft. Es gibt einen Verstärkerkreislauf. Mehr als 90 Prozent von dem, was die Medien berichten, haben sie von der Polizei. Etwa 80 Prozent, von dem was der Polizei zu Ohren kommt, hat sie aus Anzeigen aus der Bevölkerung. Anhand der Berichterstattung über die sexuellen Übergriffe in Köln hat man das gut gesehen: Als Fragen nach sexuellen Übergriffen auf der Tagesordnung gestanden sind, sind auch die Anzeigen nach oben gegangen.

Als wie sinnvoll erachten Sie es, dass die Menschen über begangene Straftaten informiert werden?

Ich erachte es als wenig sinnvoll. Die Darstellung der Polizei hat mit der Realität wenig zu tun. Kriminalitätsbekämpfung ist im Tagesgeschäft der Polizei ein relativ geringer Anteil. Ein Großteil ist Schreibtischarbeit. Die Polizei ist außerdem eine soziale Dienstleistungsbehörde, die sich darum kümmert, dass der Kanarienvogel weg ist oder der Nachbar zu laut war. Ereignisse wie die Festnahme einer Drogenbande sind Highlights. Hauptsächlich berichtet die Polizei aber über diese Dinge. Das führt zu einer Fokussierung und Verzerrung. Das Thema Kriminalität ist in der Berichterstattung, im öffentlichen Bewusstsein und der politischen Diskussion heillos überbewertet.

Gibt es Straftaten, über die Ihrer Meinung nach mehr berichtet werden sollte als über andere?

Es gibt zwei systematische Gründe, warum über etwas berichtet werden sollte: Erstens Fahndung und Warnung, etwa wenn Phishing Mails im Umlauf sind, als Warnung. Oder wenn man bei schweren Straftaten auf der Suche nach einem Täter ist. Da kann man sagen: Wir suchen diesen und jenen, hier ist ein Foto. Wer ihn gesehen hat, bitte melden. Das zweite sind Themen, die eine Diskussion über den Zustand der Gesellschaft auslösen können. Wenn ein Mann seine Frau umbringt oder umgekehrt. Vernachlässigungsfälle. Spektakuläre Fälle wie Kampusch oder Fritzl. Kriminalitätsberichterstattung kann eine Projektionsfläche sein, um Debatten loszutreten. In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? Wie wollen wir umgehen mit unseren Randgruppen?

Über Gewalt innerhalb der Familie oder Kindesmissbrauch wird aber kaum berichtet. Woran liegt das?

Die Polizei macht hier einen Gate-Keeper. Zum einen, weil Gewalt in der Familie und Kindes-Missbrauch Tabu-Themen sind, zum anderen, weil sie sehr häufig unspektakulär sind. Die Polizei steht ihnen relativ hilflos gegenüber. Sie kann eine Wegweisung aussprechen oder das Jugendamt zu der Familie schicken. Viel mehr kann sie aber nicht tun.

Würde es etwas ändern, wenn die Medien häufiger über Gewalt in der Familie berichten würden?

Wenn man sich entscheiden würde, Gewalt in der Familie zum Thema zu machen und jede bekannt gewordene Straftat zu veröffentlichen - die "Kronen Zeitung" ein halbes Jahr lang also nicht mit afghanischen Drogendealern, sondern mit prügelnden Ehemännern voll wäre -, dann hätten wir plötzlich eine ganz andere Diskussion in diesem Land.

Es gibt Menschen, die sich nicht mehr mit Nachrichten konfrontieren wollen, weil sie ihnen Angst machen. Warum haben vor allem Boulevardmedien ein so großes Interesse an Schreckensmeldungen?

Zum einen ist es ein Eigeninteresse der Medien am Umsatz: Verbrechen verkaufen sich gut und halten die Leute lange. Zum anderen ist es eine politische Agenda. Es wird ja nicht über alle Verbrechen berichtet, sondern nur über Spezielle: die rumänischen Diebesbanden, die afghanischen Drogenhändler oder momentan allgemein über Fremdenkriminalität. Dabei werden Ressentiments befördert. Ganz unterschwellig wird für eine bestimmte Politik Werbung gemacht. Wenn ich nur mehr berichte, dass bestimmte Gruppen kriminell werden, dann erzeuge ich damit politischen Rückenwind gegen diese bestimmte Gruppe härtere Gesetze einzuführen und schärfere Maßnahmen zu setzen.