Sexualdelikte werden oft von Ersttätern begangen, so Koss. - © Stanislav Jenis
Sexualdelikte werden oft von Ersttätern begangen, so Koss. - © Stanislav Jenis

"Wiener Zeitung": Herr Koss, der Verein "Neustart" setzt sich für die Resozialisierung von Straftätern ein. Von den Medien und der Bevölkerung wird die Justiz hingegen oft als zu lasch kritisiert - insbesondere bei Sexualstraftaten. Wie gehen Sie mit diesen Gegensätzen um?

Christoph Koss: Unser Ziel ist es, dass Straftäter mit unserer Unterstützung und Kontrolle nicht mehr rückfällig werden. Das ist der europäische Weg: Menschen sollen nicht unbegrenzt weggesperrt oder - wie in diversen Bundesstaaten der USA - hingerichtet werden. Die USA sind einen anderen Weg gegangen: Sie haben heute zehnmal so viele Menschen in Verwahrung und trotzdem wesentlich höhere Mordraten als die europäischen Länder. Zudem gibt es keinen Hinweis in Studien, dass Abschreckung wirkt. Wichtiger sind Meilensteine wie das Gewaltschutzgesetz, mit welchem die häusliche Gewalt tabuisiert wurde. Die Mehrheit der schweren Sexualdelikte wird weiterhin im Familien- und Freundeskreis begangen.

Im Fokus stehen nun vermehrt durch Flüchtlinge und Migranten begangene Sexualstraftaten. Es wird argumentiert, dass es hier im Sinne der Generalprävention härtere Strafen geben sollte.

Wir haben in den vergangenen zehn Jahren eine Vielzahl von Strafverschärfungen gehabt. Um einen langfristigen Rückfall zu verhindern, braucht es eine Behandlung und Resozialisierung.

Wie gut funktioniert die Resozialisierung von Sexualstraftätern?

Das mag überraschend sein: Gerade Sexualstraftäter haben - wenn sie behandelt werden - von allen Tätergruppen die niedrigste Rückfallrate überhaupt. Warum? Weil man es oft mit Menschen zu tun hat, die unbescholten sind, im Lebensalltag gut funktionieren, eine Arbeit haben und durchaus auch in der Gesellschaft angesehen waren - vor der Tat. Das ist gleichzeitig aber auch ein Dilemma: Zwischen 90 Prozent und 95 Prozent werden nicht rückfällig, wenn die Behandlung frühzeitig nach dem Haftantritt begonnen wird. Geredet wird aber nur über jene, die rückfällig werden. Aufgrund dieser Fälle kommen dann diese Forderungen nach härteren Maßnahmen, die vom Einzelfall her emotional auch verständlich sind. Nur: Selbst bei einer zeitlich unbegrenzten Anhaltung wird es weitere Fälle geben, weil es sehr oft Ersttäter sind, die gut in unsere Gesellschaft integriert waren.

Hat sich bei den Sexualstraftaten die Tätergruppe in der vergangenen Zeit gewandelt? Ist Ihnen da etwas aufgefallen?

Die Delikte, die jetzt neu in den Medien sind: Da geht es um die sexuelle Belästigung. Vor einem Jahr wurde noch viel Kritik geübt, dass da ein neuer Tatbestand für die sexuelle Belästigung geschaffen werden soll. Erinnern wir uns an die Debatte über das "Po-Grapschen". Bezüglich den schweren Sexualdelikten liegen uns noch nicht die Daten des Sicherheitsberichts 2015 vor. Was man aus Aussagen des Innenministeriums schließen kann, hat sich die Tätergruppe nicht verändert und auch die Zahlen sind auf dem gleichen Niveau geblieben.

Der Verein Neustart betreut auch einige Dschihadisten. Wie gehen Sie bei diesen Tätern vor?

Insgesamt betreuen wir 28 Dschihadisten. Was auffällig ist: Darunter sind sehr viele junge Menschen. Auch der Frauenanteil ist mit 25 Prozent wesentlich höher als sonst. Es geht sehr stark um die Identitätsfindung, um junge, perspektivlose Menschen. Die Terrormiliz IS gibt ihnen ein Zugehörigkeitsgefühl und eine Basis. Wir zielen darauf ab, den Tätern eine positive Alternative zu ihrer Ideologie und ihrer Gewaltbereitschaft zu geben. Es geht um eine Stabilisierung der Person, die eigenen Stärken und Ressourcen müssen herausgearbeitet werden. Da es sich um junge Menschen handelt, besteht die Chance, dass sie mit den Jahren eine andere Perspektive für sich finden können.