Neue Leitfiguren?

Wie wird sich das Urteil auf die Szene auswirken? Das dschihadistische Spektrum verändere sich stetig, sagt Schmidinger. Einschätzungen der künftigen Entwicklungen seien deshalb schwierig. "Welche Reaktionen der Repressionsdruck auf das Verhalten der Szene haben wird, hängt vor allem davon ab, welche Personen sich nun als neue Leitfiguren etablieren können." Bis jetzt gebe es keinen möglichen Nachfolger, der in der Szene eine ähnliche Bedeutung habe wie O., erklärt der Islamismusexperte. Gefahr drohe vor allem bei einer weiteren Aufsplitterung der Szene. Dann nämlich sei es gut möglich, dass sich kleinere Gruppen weiter radikalisieren - und den Worten dann auch in Österreich Taten folgen lassen. Schmidinger: "Wer im dschihadistischen Weltbild gefangen ist, für den passt das Urteil natürlich perfekt in die übliche Lesart des bösen, säkularen Staates, der die ehrlichen Muslime verfolgt und drangsaliert."

Wenn man ihm die Chance dazu gebe, werde O. sicherlich aus dem Gefängnis heraus seine Agitation fortsetzen, ist Schmidinger überzeugt. Ein "Märtyrerstatus" sei O. jedenfalls durch das Urteil sicher. Das Unterbinden weiterer Radikalisierung durch das Urteil und O.s Haft hat also auch seinen Preis. Und dann sind da noch die zahlreichen Drohungen gegen Zeugen, die im Prozess ausgesagt haben. Er rechne damit, trotz Zeugenschutzprogramm ermordet zu werden, sagte der Hauptzeuge gegen den zweiten Angeklagten T. im Prozess. Gut möglich also, dass sich die Wut der Anhängerschaft auch in Racheakten Bahn bricht. Gegen österreichische Institutionen aber habe es bis jetzt noch keine Drohungen aus O.s Anhängerschaft gegeben, sagt Schmidinger.

Grundsätzlich gebe es zwei Möglichkeiten, wie sich das Urteil auswirken könne, erklärt Nicolas Stockhammer, Terrorismusforscher an der Universität Wien. Zum einen sei vom recht hohen Strafmaß durchaus eine abschreckende Wirkung für sogenannte Gefährder gegeben: "Radikalisierte Personen sehen nun klar, dass es rechtliche Möglichkeiten auch schon im Radikalisierungsprozess gibt und man zu einem recht hohen Strafmaß greift", so Stockhammer. Zudem nehme durch die zunehmend schlechte militärische Lage des IS in Syrien und im Irak die Bereitschaft ab, aktiv in den Dschihad zu ziehen.

Aber: "Natürlich könnte, speziell in den bosnisch und tschetschenisch geprägten, ultraradikalen Szenen eine Art Jetzt-erst-recht-Mentalität geschaffen werden. Die Bereitschaft, die neu geschaffenen ‚Märtyrer‘ zu rächen, könnte steigen", so der Sicherheitsexperte. Ein Beispiel seien die Anschläge in Brüssel in der Folge der Festnahme des Pariser Attentäters Salah Abdeslam, die durchaus als Racheakte zu qualifizieren seien.

Stockhammer ist jedoch skeptisch, ob das Urteil gegen O. auf die österreichischen Netzwerke eine ähnliche Wirkung haben könnte: "Die heimische Szene kann man in ihrer Operationsweise mit den weit fortgeschrittenen, autark agierenden Netzwerken in Frankreich und Belgien nicht eins zu eins vergleichen." Grundsätzlich müsse man sich jedoch auf eine jahrzehntelange Bedrohungssituation einstellen, warnt der Terrorismusexperte.