Wien. Die Differenzen zwischen Ärztevertretern und Sozialversicherung um die E-Medikation scheinen zu eskalieren. Am Freitag gab die Ärztekammer Steiermark in einer Aussendung bekannt, dass die Ärzte in Deutschlandsberg aus dem dortigen Pilotversuch aussteigen. Das Projekt sei unausgereift, man habe kein Vertrauen mehr in den Hauptverband der Sozialversicherungsträger, hieß es.

"Den Ärzten im Bezirk Deutschlandsberg, die freiwillig und ohne jegliche Gegenleistung viel Zeit in den Pilotversuch ‚E-Medikation‘ gesteckt haben, reicht es", hieß es in der Aussendung weiter. Der Pilotversuch sei von Anfang an von Problemen begleitet gewesen. Teilweise habe die Kompatibilität der E-Medikations-Applikation mit der Ärztesoftware nicht hergestellt werden können, so die Ärztevertreter. Es habe Ausfälle und erhebliche Zeitverzögerungen gegeben. Teilnehmer hätten darüber geklagt, dass die E-Card-Gesellschaft der Sozialversicherung, die SVC, diese Probleme nicht lösen habe können. "Stattdessen schob sie den freiwillig am Pilotprojekt Teilnehmenden die Schuld am Versagen der E-Medikations-Applikation zu", hieß es in der Aussendung. Kritisiert wurde vor allem Hauptverbands-Vizegeneral und SVC-Geschäftsführer Volker Schörghofer.

"EDV-Steinzeit"


Dieser habe in einer Pressekonferenz des Hauptverbands am Dienstag zum "Rundumschlag" gegen die Ärzte ausgeholt und ihnen vorgeworfen, in der EDV-Steinzeit zu arbeiten, so der Vorwurf der steirischen Ärztekammer. Dieser Vorwurf sei auf jene Minderheit unter den Ärzten gemünzt, die ihren PC "zehn Jahre nicht upgedatet" hätten und sich nicht um aktuelle Hard- und Software kümmerten. Bei diesen laufe die Software zur E-Medikation nicht, bei 94 Prozent der Ärzte mit E-Card-System im Bezirk Deutschlandsberg aber sehr wohl, so Schörghofer damals.

"Die Ärzte arbeiten in der EDV-Realität, der sich die EDV-Traumwelt der SVC nicht anpassen kann oder will", entgegnete der steirische Ärztekammerpräsident Herwig Lindner. Das mache die Fortführung des Pilotversuchs sinnlos.

Für Ulrike Rabmer-Koller, die Vorsitzende des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger, ist der Projekt-Ausstieg von Deutschlandsberg ein "unverantwortlicher Schritt in die falsche Richtung." Patienten in ganz Österreich würden auf die E-Medikation warten, die negative Wechselwirkungen bei der Medikamenteneinnahme verhindern könne. "Wir dürfen keine Verschlechterung der Patientensicherheit und einen unverantwortlichen Rückschritt in der medizinischen Versorgung zulassen", meinte sie weiter. "Die technische Basis der E-Medikation funktioniert und seitens der teilnehmenden Ärzteschaft gab es bisher durchwegs positives Feedback", so Rabmer-Kolleger. "Wieso die Ärztekammer nun mit Kritik am System ausrückt, ist mehr als unverständlich." Die Kammer solle konstruktiv mitarbeiten, statt zu blockieren.

Rollout im November?


Das Gesundheitsministerium plädierte am Freitag dafür, weiter ruhig an dem Projekt weiterzuarbeiten und zu "deeskalieren". Ein Probelauf werde durchgeführt, um Probleme zu finden und in weiterer Folge zu lösen. Das Projekt laufe grundsätzlich gut, heißt es aus dem Ressort. Die E-Medikation sei auch weiterhin auf einem guten Weg, um es abzubrechen, sei es schon zu weit fortgeschritten. Politische Interventionen wären "unnütz".

Wie viele der Ärzte der Ausstieg in Deutschlandsberg tatsächlich betrifft, blieb offen. Während die steirische Ärztekammer vom Abbruch der Teilnahme schrieb, war seitens der Bundes-Ärztekammer vom Ausstieg "nahezu aller Ärzte" die Rede. Zuletzt waren nach Angaben des Hauptverbands noch 19 niedergelassene Mediziner beteiligt, angemeldet hatten sich Ende Mai etwa 30.

Der Pilotversuch hätte mit 30. September auslaufen sollen. Kürzlich hatte die Sozialversicherung eine Verlängerung bis 30. November verkündet. Unmittelbar danach hätte der Steiermark- und später österreichweite Rollout erfolgen sollen. Das Gesundheitsministerium hatte dies allerdings von der Zustimmung aller Beteiligten, und damit auch der Ärzte, abhängig gemacht.