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Wien. Barack Obama hat es getan. David Cameron auch. Und Angela Merkel. Jetzt will Reinhold Mitterlehner nachziehen. In seiner Rede zur Lage der Nation vor knapp zwei Wochen erklärte der ÖVP-Chef und Vizekanzler, dass das sogenannte Nudging in Zukunft auch in der österreichischen Politik eine größere Rolle spielen soll.

Der Begriff kommt aus der Verhaltensökonomie, zusammengefasst geht es dabei darum, Menschen nicht durch angedrohte Sanktionen zu einem bestimmten erwünschten Verhalten zu zwingen, sondern sie mit Hilfe kleiner Anstöße (aus dem Englischen: "to nudge someone" - jemanden anstupsen) so zu lenken, dass sie sich selbst dazu entscheiden. Ein oft dafür verwendetes Bild ist jenes der Elefantenmutter, die ihr Junges zwar nicht ans Wasserloch zwingt, aber durch sanfte Stöße mit dem Rüssel in die richtige Richtung geleitet. Erstmals aufgekommen ist der Begriff durch die beiden Wissenschafter Cass Sunstein und Richard Thaler, die sich in ihrem 2008 erschienenen Buch "Nudge" mit dieser vorsichtig paternalistischen Beeinflussung von Menschen auseinandersetzen. 2010 gründete der britische Premier Cameron ein eigenes "Behavioural Insights Team" in der Downing Street, das sich - mittlerweile teilprivatisiert und auf 60 Mitarbeiter angewachsen - Gedanken darüber macht, wie die Briten gestupst werden können.

Ein berühmtes Beispiel ist auch das Bild einer Fliege, das in den Urinalen am Amsterdamer Flughafen Schiphol angebracht wurde: Damit sollen die Männer zum besseren Zielen animiert und so die Toilettenreinigung erleichtert werden. Andere international erprobte Nudges sind etwa Hinweise auf Stromrechnungen, wie viel mehr Strom der Haushalt gegenüber den Nachbarn verbraucht hat, oder grüne Pfeile auf öffentlichen Flächen, die zu Mistkübeln führen. Durch Ersteres konnte in den USA der Stromverbrauch reduziert werden, Zweiteres führte in Dänemark zu weniger achtlos weggeworfenem Müll.

Alle wollen die Fliege treffen


Bei all diesen Testprojekten machen sich die Forscher die Tatsache zunutze, dass die meisten Entscheidungen spontan und emotional getroffen werden. Und wer möchte nicht wissen, wohin ein Pfeil führt, weniger Strom als sein Nachbar verbrauchen oder versuchen, die Fliege im Pissoir zu erwischen?

So harmlos und fast spielerisch das klingen mag: Immer wieder weisen Kritiker auch darauf hin, dass eine derartige Beeinflussung zu sehr in die Entscheidungskompetenz der Bürger eingreife. Als das deutsche Kanzleramt 2015 drei Stellen in dem Bereich ausschrieb, zitierte die "Zeit" den Chef des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, Gerd Gigerenzer: Nudging sei ein Versuch, die Menschen von außen zu steuern, ohne ihre Kompetenz zu erhöhen - ganz nach dem Muster der ehemaligen DDR.