Wien. "In Lisas Familie wagte sich noch kein Mann ans Bügeln." Diesen Satz schreibt ein junger Flüchtling im A2 Deutschkurs einer Jugendcollege-Klasse in der Spitalgasse im 9. Bezirk in Wien, an die Tafel. Die Lehrerin diktiert den Satz. Es geht zum einen um Verben, die als Nomen verwendet und daher groß geschrieben werden. Zum anderen wird bei dieser Gelegenheit über die Rollenverteilung in Familien diskutiert.

775 Schüler und 239 Schülerinnen besuchen derzeit das seit Sommer existierende Start Wien Jugendcollege, das von der Stadt Wien, dem AMS und dem Europäischen Sozialfonds finanziert wird und einen Standort im 9. und einen im 10. Bezirk betreibt. "Zu uns kommen Jugendliche, die nicht mehr im schulpflichtigen Alter sind. Wir versuchen herauszufinden, welche Bildung sie schon haben und was sie noch brauchen", sagt die Projektleiterin des Start Wien Jugendcolleges Maria Steindl im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Der 20-jährige Hamza (linkes Bild) und die 16-jährige Mawra möchten eine Lehre machen.
Der 20-jährige Hamza (linkes Bild) und die 16-jährige Mawra möchten eine Lehre machen.

Die 16-jährige Mawra ist eine der Schülerinnen, die seit zwei Monaten täglich vier Stunden in der Spitalgasse Unterricht hat. Sie kommt ursprünglich aus Qamischli, einer kurdischen Stadt im Nordosten Syriens. Erst im Sommer sind nach der Explosion einer Autobombe dort 55 Menschen gestorben, mehr als 160 wurden verletzt. "Ich möchte eine Lehre zur Bürokauffrau machen", sagt Mawra. Ihr Deutsch ist schon ziemlich gut. Sie ist vor zwei Jahren nach Wien gekommen, hat bereits Asyl und lebt mit ihrer Familie im 5. Bezirk. Eineinhalb Jahre war sie in einer Neuen Mittelschule, für eine Lehre fehlt ihr nun der Pflichtschulabschluss.

Die Kurse für Pflichtabschlüsse sind zurzeit allerdings alle voll. Bis ein Platz für Mawra frei wird, lernt sie im Jugendcollege daher weiter Deutsch, hat Mathematik- und Englischunterricht und nimmt auch an Fächern wie "Kritsche Partizipation" teil. "In diesem Fach werden Themen wie Werte, Diskriminierung, Rassismus, Religion, Kultur und Genderfragen besprochen", sagt Steindl. "Die Jugendlichen bei uns sind zwischen 15 und 21 Jahre alt. Sie stellen sich viele Fragen und brauchen eine Auseinandersetzung mit diesen Themen."

Entsprechend der Fluchtbewegung ist der Großteil der Schüler männlich. Knapp die Hälfte der Jugendlichen kommt aus Afghanistan, viele stammen aus Syrien, einige aus Somalia, dem Irak, Iran, Rumänien, Gambia und dem Kongo. Bei der Einteilung der Klassen werde aber darauf geachtet, dass in jeder Klasse mindestens drei Mädchen sind, sagt Steindl. Für viele Jugendliche ist das ungewöhnlich. In Syrien etwa würde man Buben und Mädchen in der Schule mit zwölf Jahren trennen, sagt Mawra.