Wien. (kats) Die gute Nachricht zuerst: Österreich ist nicht so gespalten, wie es sich nach dem nervenaufreibenden Wahlkampfjahr anfühlt. Das hat eine detaillierte Analyse der Wählermotive durch die Politologen Fritz Plasser und Franz Sommer ergeben. Basis für die Untersuchung war eine von GfK durchgeführte Online-Befragung von 1000 deklarierten Wählern Alexander Van der Bellens beziehungsweise Norbert Hofers. Plassers Fazit: "Wir gehen nicht von einem Katastrophenszenario aus, dass in der Gesellschaft Zentrifugalkräfte wirken", sagte Plasser bei der Präsentation der Auswertung am Dienstag.

Allerdings habe der Wahlkampf "sehr scharfe Gegensätze" aufgezeigt. Es herrschten zwei unterschiedliche Lebenswelten vor - sowohl in Bezug auf die Alltagswahrnehmung der Menschen als auch auf deren Politikverständnis. Wie zu erwarten war, haben 65 Prozent jener Menschen, die der Meinung sind, dass die Kapazitäten zur Aufnahme von Flüchtlingen bereits erschöpft sind, Hofer gewählt. Allerdings: Immer noch 35 Prozent dieser Personen haben sich für Van der Bellen entschieden. Generell stehen die Österreicher - und zwar nicht nur die Hofer-Wähler - der Aufnahme von Flüchtlingen skeptisch gegenüber. Insgesamt 76 Prozent der Befragten haben sich für die Festlegung einer Obergrenze ausgesprochen, davon hat etwas mehr als die Hälfte (58 Prozent) Hofer gewählt und immerhin noch 42 Prozent Van der Bellen.

Auch bei der Einstellung zur Europäischen Union zeigte sich der Unterschied zwischen den beiden Wählergruppen: 76 Prozent der Menschen, die glauben, die EU brächte mehr Vor- als Nachteile, wählten den ehemaligen Grünen-Chef. 75 Prozent derjenigen, für die die Nachteile überwiegen, wählten Hofer. Austrittsfantasien hielten sich aber in Grenzen.

Optimisten für Van der Bellen, Pessimisten für Hofer


Den von Plasser angesprochenen Graben bei den Lebenswelten verdeutlicht ein anderes Teilergebnis der Auswertung: Jene Personen, die glauben, dass ihre finanzielle Situation heute schlechter ist als vor vier Jahren, wählten zu 67 Prozent Van der Bellen, jene die ihre Situation heute schlechter einschätzen, entschieden sich zu 63 Prozent für Hofer. Trotz der "Spannungslinien und potenziellen Spaltungslinien" sieht der Politologe keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass es in Österreich eine "Stabilitätsorientierung und einen moderaten Grundkonsens" gibt. Fast die Hälfte der Befragten sieht sich selbst als ideologisch in der Mitte stehend an - von ihnen wählte die Hälfte Hofer, die andere Hälfte Van der Bellen.

Ein anderer Punkt eint die Wähler Van der Bellens und Hofers: "Wir haben eine wirklich tief greifende politische Vertrauenskrise, ein außergewöhnliches Misstrauen gegenüber Eliten und politischen Institutionen festgestellt", sagte Plasser. Mehr als 80 Prozent der Befragten gaben an, der Politik im Gesamten nur wenig oder überhaupt nicht zu vertrauen. Die größten Skeptiker wählten eher Hofer, die etwas geringeren Skeptiker Van der Bellen - zurück bleibt eine Vertrauenskrise insgesamt.

Plasser verglich auch die US-Wahl mit der österreichischen und stellte trotz der grundsätzlichen Unvergleichbarkeit der Situation und Kandidaten, wie er betonte, Parallelen zwischen Trump- und Hofer-Anhängern auf der einen beziehungsweise Clinton- und Van-der-Bellen-Wählern auf der anderen Seite fest.

Interessant ist, dass die Forscher bereits seit Juni eine deutliche Tendenz zu Van der Bellen wahrnehmen konnten, sagte Sommer. Auch am Land konnte Van der Bellen zulegen, dennoch blieb Hofer dort vorne. Alleine mit der Struktur (am Land leben weniger SPÖ-, Grünen- und Neos-Wähler) konnte das aber nicht erklärt werden: "SPÖ und ÖVP-Wähler haben sich am Land signifikant mehr für Hofer entschieden als in der Stadt", sagte Sommer. Das könnte am unterschiedlichen Informationsverhalten liegen. Auf der anderen Seite war auch die Angst, dass Hofer dem Land Schaden zufügen könnte, bei den Städtern höher als am Land. Und: Immerhin 104.000 Wähler sind bei der Stichwahlwiederholung von Hofer zu Van der Bellen gewechselt. Warum das so war, lässt sich statistisch nicht nachweisen. Gespalten ist das Land also nicht, aber es kommen wohl einige Aufgaben auf die Politik zu, um die Vertrauenskrise zu überwinden.