Wien. (jm) Die neue Plakatkampagne der Wiener Ärztekammer klingt gar nicht nach Streik. Ganz im Gegenteil, sie vermittelt sogar ein bisschen, dass Konflikte jeglicher Art im Moment eher unbegründet erscheinen. Auf dem Plakat ist eine junge Frau zu sehen, die gemütlich ein Buch liest. Ein guter Job in guten Verhältnissen, könnte man meinen. Über ihrem Kopf steht der Slogan: "28 Prozent Leseratte, 100 Prozent Ärztin".

Die Bundeskammer der Ärzte zeichnet ein anderes Bild. Ein Herz ziert ihre Kampagne, ein kleiner Teil wurde sauber abgetrennt. Dieser Teil ist dunkler eingefärbt als der Rest - abgestorben, so wirkt es zumindest. So lässt sich auch die Beziehung zwischen Kammer, Ministerium und Sozialversicherung interpretieren. Zentral für das abgestorbene Gesprächsverhältnis zwischen den Streitparteien stehen die Verhandlungen zum Finanzausgleich und die Förderung der Gesundheitszentren, die heute, Mittwoch, im Nationalrat beschlossen werden sollen. "Gesundheit!" steht unter dem Herz in großen Lettern geschrieben. "Weniger ist nicht mehr", lässt die Ärztevertretung der Politik ausrichten. Das Gesundheitssystem solle nicht totgespart werden lautet die Botschaft. Das klingt nach Streik.

290.000 Patienten betroffen

Heute werden in Wien, im Burgenland und in Kärnten zahlreiche Ordinationstüren aus Protest geschlossen bleiben. Laut dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger sollen 290.000 Patienten von der Streikaktion betroffen sein. So viele Personen haben vor einem Jahr in diesen drei Bundesländern einen Allgemeinmediziner oder Facharzt besucht. Oberösterreichs Ärzte drohten einen Streik im Februar an.

Die Ärztekammer will um den Hausarzt kämpfen und gegen die gesetzliche Ausgestaltung der Gesundheitszentren protestieren. "Es war immer unsere Meinung, dass Österreich ein ausgezeichnetes Gesundheitssystem hat und dass es überhaupt keine Notwendigkeit gibt, ein neues System zu etablieren", sagte Präsident Artur Wechselberger.

In jenen Gesundheitszentren sollen künftig mehrere Ärzte mit anderen Gesundheitsberufen zusammenarbeiten. Dass im niedergelassenen Bereich neue Formen nötig sind und aktiv nachgefragt werden, ist Konsens. Im Idealfall kommen Ordinationen Ärzten wie Patienten zugute. Man kann sich austauschen, die Belastung wird auf mehrere Kräfte verteilt, und für die Patienten gibt es längere Öffnungszeiten, sagen Mediziner. Zudem sollen solche Zentren die Versorgung am Land sichern und die Spitäler entlasten. Eine engere Zusammenarbeit von Hausärzten sei zudem nötig, da es ein "massives Nachwuchsproblem" in der Allgemeinmedizin gebe, sagt Renate Hoffmann-Dorninger, Präsidentin der Wiener Gesellschaft für Allgemeinmedizin. In den nächsten Jahren werden zahlreiche Hausärzte in Pension gehen. Kassenstellen können speziell im ländlichen Raum nicht entsprechend nachbesetzt werden.