. . . befürchten viele Allgemeinmediziner. - © ÖÄK/M. Obermair, P. Lipiarski
. . . befürchten viele Allgemeinmediziner. - © ÖÄK/M. Obermair, P. Lipiarski

Wien. Dicke Luft herrschte Mittwochfrüh in der altehrwürdigen Bibliothek des Billrothhauses im neunten Wiener Gemeindebezirk. Der Saal ist voll mit streikenden Ärzten in weißen Kitteln und Journalisten. Draußen im Foyer haben sich Jungärzte und Studenten - ihnen sei es verboten worden, mit Journalisten zu sprechen, sagen sie - mit roten "Kostenscheren" plakativ auf der Treppe postiert. Die Ärzte tragen ihren Protest auf die Straße.

Hauptgrund für die Wut der Mediziner sind die geplanten Primärversorgungszentren (Primary Healthcare Center, PHC), für die am Mittwoch im Nationalrat im Rahmen des Finanzausgleichs eine Förderung von 200 Millionen Euro beschlossen wurde. Die Regierung will diese ab dem kommenden Jahr flächendeckend in Österreich aufbauen. Die PHCs würden zu einer "Ausrottung" der Hausärzte führen, warnt Gert Wiegele, stellvertretender Obmann der niedergelassenen Ärzte. Mit der Reform werde die "Zwei-Klassen-Medizin dauerhaft festgeschrieben", sagt Ärztekammerpräsident Michael Lang. Durch die Einführung der Versorgungszentren würden die Ärzte zu "Befehlsempfängern" von Kapitalgesellschaften, die künftig als private Träger der PHCs fungieren könnten, wird befürchtet.

Gegen Privatisierung

- © Christoph Liebentritt
© Christoph Liebentritt

Mit Trommeln, Trillerpfeifen und Plakaten marschieren etwa 150 Ärzte bei eisigen Temperaturen durch die Innenstadt. Die Teilnehmer, meist Allgemeinmediziner, fürchten um die Versorgungsqualität der Patienten - und um ihr Geschäft. "Die Zentren bekommen viel mehr Subventionen und Förderungen, das ist eine unfaire Konkurrenzierung der niedergelassenen Ärzte", sagt ein Mediziner. "Unsolidarisch" nennt er jene seiner Kollegen, die bereits in einem PHC arbeiten und sich dem Protest nicht angeschlossen hätten. "Aber das ist die Zukunft: uns auseinanderzudividieren, unsolidarisch zu machen, Einzelverträge mit den PHCs schließen, die dann in den Händen von privaten Firmen liegen werden." Heute werde alles schöngeredet, "aber die Zukunft wird zeigen, dass wir recht haben". Besonders junge Allgemeinärzte befürchten einen Verdrängungswettbewerb durch die PHCs. "Ich habe erst vor wenigen Monaten meine erste Ordination übernommen", sagt eine von ihnen. "Ich habe beträchtliche Schulden aufnehmen müssen, um die Ordination auszustatten. Wenn bei mir ums Eck ein Zentrum aufmacht, gehen meine Patienten vielleicht dort hin, weil es länger offen hat." An ein Einlenken der Politik glaubt die junge Ärztin nicht mehr.