Wien. (ede/apa) "Warum muss ein Programmierer am Donnerstag um 18 Uhr nach Hause gehen, wenn er bis dahin die zehn Stunden Höchstarbeitszeit überschreitet? Warum kann er nicht seine Aufgabe abschließen und dafür am Freitag freinehmen?", fragt sich Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl. Er ist daher nicht der Einzige, der die von Bundeskanzler Christian Kern geplante Flexibilisierung der Arbeitszeit begrüßt.

Auch der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) steht positiv zu dem Vorschlag, bei Gleitzeit bis zu zwölf Stunden tägliche Arbeitszeit zu ermöglichen - wenn es dafür längere zusammenhängende Freizeitblöcke gibt. "Die Gewerkschaft ist nicht wirtschaftsfeindlich", betonte ÖGB-Präsident Erich Foglar am Freitag im Ö1-"Morgenjournal". Kerns "Plan A", in dem sich der Bundeskanzler zum unternehmerischen Staat bekennt, enthalte viele Elemente sozialer Gerechtigkeit.

Folglar kann sich dreimal
12 Stunden vorstellen


Von der Arbeitszeitflexibilisierung ist es nicht weit zur Arbeitszeitverkürzung. Der ÖGB kämpft dafür, dass die vorhandene Arbeitszeit gerechter verteilt wird. Eine mögliche Form wäre für Foglar eine 36-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich, bei der die Arbeitszeit auf dreimal 12 Stunden aufgeteilt werde, wie es Sozialminister Alois Stöger (SPÖ) im Dezember in einem Interview mit der "Tiroler Tageszeitung" vorgeschlagen hatte. Das weitere Aufschnüren des Arbeitszeitkorsetts, das von der Wirtschaft verständlicherweise begrüßt wird, birgt aber auch Gefahren in sich. So warnte der Psychologe Gerhard Klicka vor kräfteraubenden 12-Stunden-Arbeitstagen ohne ausreichende Regenerationsphasen.

Derzeit beträgt die tägliche Höchstarbeitszeit zehn Stunden. Eine längere Arbeitszeit ist in Ausnahmefällen erlaubt, etwa bei Schichtarbeit oder wenn vorübergehend besonderer Arbeitsbedarf besteht. Hier sind bis zu 12 Stunden möglich.

Die Arbeiterkammer ist skeptisch. Zuerst sollten einmal die in den vergangenen Jahren geschaffenen Maßnahmen im Arbeitszeitgesetz - etwa zusätzliche Überstundenpakete für dringliche Aufträge bis hin zur Jahresdurchrechnung - herangezogenen werden, bevor neue Maßnahmen eingefordert werden, betonte AK-Präsident Rudi Kaske.

"Selbstbestimmte Erwerbsbiografie"


Bundeskanzler Kern will den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern das Recht auf Änderung des Arbeitszeitausmaßes (Wechsel von Vollzeit auf Teilzeit und umgekehrt) geben, damit sie eine "selbstbestimmte Erwerbsbiografie" verwirklichen können. Den Unternehmern bringe das Modell zufriedene Arbeitnehmer. Der Präsident der Industriellenvereinigung, Georg Kapsch, hält hingegen nichts davon. Dies sei in der Praxis nicht zu administrieren und würde bürokratischen Mehraufwand und Kosten für die heimischen Betriebe bedeuten.