Wien. Immer wenn in Österreich über das Für und Wider eines Burkaverbots diskutiert wird, bestimmt eine Zahl den Diskurs: die 150. Angeblich tragen so viele Frauen in Österreich eine Burka. Diese Zahl verwenden Befürworter des Verbots, um der aus ihrer Sicht patriarchalischen Kultur den Kampf anzusagen - diese dürfe nicht an Breite gewinnen. Die 150 wird aber auch von Verbotsgegnern verwendet, um zu demonstrieren, dass die Zahl der Burkaträgerinnen zu gering und eine Diskussion darüber deshalb nebensächlich sei. In einem Punkt sind sich beide Seiten allerdings einig: In Österreich gibt es 150 vollverschleierte Frauen. Und mit dieser Zahl wird seit Jahren Politik gemacht.

Burkaträgerinnen wie diese gibt es kaum in Österreich. Die Burka wurde zum Synonym für Vollverschleierung, gemeint ist aber der Nikab. - © gettyimages.com/Juanmonino
Burkaträgerinnen wie diese gibt es kaum in Österreich. Die Burka wurde zum Synonym für Vollverschleierung, gemeint ist aber der Nikab. - © gettyimages.com/Juanmonino

Woher aber kommt diese ominöse Zahl 150? Wer zählt, wie viele Muslimas sich völlig verschleiern? Und müsste die Zahl seit dem Ausbruch der Migrationskrise nicht etwas zugenommen haben? Bei der Recherche, die nach dem Vorbild einer solchen der deutschen Wochenzeitung "Zeit" erfolgte, wird schnell klar: Der Staat zählt die Burkas in Österreich nicht. Das Datenamt Statistik Austria winkt ab. Dem Innenministerium liegen keine Erkenntnisse über die Anzahl der Burka-Trägerinnen vor. Im Gegenteil: Die Zahl 150 hört man dort zum ersten Mal. Im Integrationsministerium von Sebastian Kurz schweigt man sich nach mehrmaligen Anfragen darüber aus. Auch die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) kann dazu nichts sagen. Außer: "Ich wüsste nicht, wie wir das erheben sollen", sagt die Sprecherin Carla Amina Baghajati. "Wir können einen Rundruf in den Moscheen machen. Aber es ist nicht davon auszugehen, dass jede dieser Frauen eine regelmäßige Moscheegängerin ist." Die Zahl 150 scheint nichts als eine bloße Vermutung zu sein. Auf wen diese Zahl zurückzuführen ist, ist nicht nachvollziehbar. Bei einer Internetrecherche taucht sie 2010 erstmals in einem Artikel der Tageszeitung "Die Presse" auf. Sie wird als Schätzung ausgewiesen - ohne Schätzer. Zuletzt nannte Kanzler Christian Kern die 150. Zwischen "100 und 150 Frauen" seien den Zwängen der Vollverschleierung ausgesetzt. Woher die Zahl stammt, ist aber auch in seinem Büro nicht in Erfahrung zu bringen. Die Kanzlersprecher sind nicht erreichbar. Ist die Zahl 150 zumindest plausibel?

Ein Anruf in einem Wiener Geschäft für islamische Mode. Dieses verspricht, eine Kollektion zu führen, die Tradition mit dem Stil der Gegenwart, Eleganz und Lässigkeit, Selbstbewusstsein und Understatement verbindet. "Burkas?", sagt die Frau am anderen Ende der Leitung. "Die haben wir hier nicht." Die Burka werde in Österreich auch nicht getragen. Das genannte Kleidungsstück mit einem Gitter vor dem Gesicht sei vor allem in Afghanistan und Pakistan verbreitet, hierzulande sieht man es eher bei Touristinnen. In Österreich wird der Nikab, ein Schleier mit Sehschlitz, getragen, sagt sie. Diese wird im Geschäft in sechs verschiedenen Farben für 17 Euro angeboten. Gut, also Nikab. Wie viele davon werden durchschnittlich verkauft? "Eine genaue Zahl habe ich nicht", erklärt die Verkäuferin. Mehr als vier oder fünf im Monat? "Es kommen viele in einem Nikab einkaufen, es sind mehr, als man vielleicht erwartet", sagt sie. Gibt es mehr als 150 Frauen mit Vollverschleierung in Österreich? "Das glaube ich schon."

Die "Wiener Zeitung" fragt in Geschäften in Wien-Ottakring vor Ort nach. Ein großer Shop in der Neulerchenfelder Straße verkauft Kopftücher in allen Farben, Stilen und Preisklassen. Kann man hier auch einen Nikab kaufen? Nein, sagt die Verkäuferin. Auch die Frage, ob Kundinnen den extrem konservativen Gesichtsschleier verlangen und wie oft das vorkomme, will man hier nicht beantworten. In einem weiteren Geschäft hat die Verkäuferin keinen Nikab lagernd, sagt aber, wenn Kundinnen dies wünschen, könne sie auch einen Nikab ordern. Auch sie will sich nicht darüber äußern, wie häufig danach verlangt wird. Ein Geschäft in der Äußeren Mariahilfer Straße gebe es, heißt es. Doch die Inhaberin hat ihren Laden dichtgemacht, erzählt sie am Telefon.

Ein Phantom sind Frauen mit Vollverschleierung aber dennoch nicht. Immer häufiger seien rund um die Ottakringer Einkaufsstraßen, den Brunnenmarkt und den Yppenplatz vor allem junge Pärchen zu sehen, die Frauen in Vollverschleierung, die Männer mit Bärten und knöchellangen Hosen, wissen Anwohner zu erzählen. Von einer "Gegenkultur" aber könne man keinesfalls sprechen, sagen Verkäufer und Ladenbesitzer. Was auf jeden Fall zunehme, seien Frauen im Tschador oder Chimar, mantelartige Schleier, die allerdings das Gesicht frei lassen, sagt ein türkischstämmiger Friseur. Über den Plan der Regierung, Vollverschleierung zu verbieten, will aber niemand sprechen. Zu groß ist die Angst vor der ohnehin schon steigenden Stigmatisierung.

Die Debatte über das Burkaverbot ist wohl auch symbolisch getragen von der Migrationskrise, den islamistischen Anschlägen in Europa und nicht zuletzt dem Erstarken der Rechtspopulisten. "Aus meiner Sicht ist das ein Symbol einer Gegengesellschaft" und "kein religiöses Symbol", sagt Integrationsminister Kurz heute. 2014 hatte Kurz ein solches Verbot, damals von der FPÖ per Antrag eingebracht, noch abgelehnt. Es brauche "keine künstlichen Debatten in Österreich", so Kurz damals. Die Zahl der Burkaträgerinnen sei zu klein, und die meisten davon seien Touristinnen aus Saudi-Arabien, "die in Zell am See und am Kohlmarkt sehr, sehr viel Geld in Österreich ausgeben".