Wien. Bis 2020 sind in Österreich 75 Primärversorgungszentren geplant. Ein Primärversorgungsgesetz soll demnächst beschlossen werden - die Zustimmung der Ärzte ist dafür nicht erforderlich. Die Vorstandsvorsitzende im Hauptverband der Sozialversicherungsträger, Ulrike Rabmer-Koller hofft, wie sie am Mittwoch vor Journalisten betonte, auf "konstruktive Stimmen" nach der Ärztekammerwahl, die gerade in den Bundesländern läuft. Das Pilotprojekt zu Primärversorgungszentren in Enns, in das sechs niedergelassene Ärzte involviert sind, habe gezeigt, dass Ärzte die Zentren wollen. Vor allem "viele Junge, die lieber im Team arbeiten" als Einzelkämpfer.

Gegen Ausrottung der Einzelordinationen


Der Widerstand der Ärztekammer ist bei genauer Betrachtung nicht so groß. Sie will einerseits die Primärversorgung durch die Hausärzte aufrecht erhalten und andererseits auch Primärversorgungszentren zulassen. Allerdings wehrt sie sich gegen die Zerstörung eines bestehenden Systems. "Es soll nicht zur Ausrottung der Einzelordinationen kommen", formulierte das Kammeramtsdirektor Johannes Zahrl am Mittwoch in einem Seminar der Ärztekammer für Journalisten. Und warum, fragt Zahrl, müsse man Primärversorgern eine Rechtspersönlichkeit vorschreiben. In diesem Zusammenhang kritisierte die Ärztekammer neuerlich, dass es Ärzten verboten sei, andere Ärzte anzustellen.

Vor drei Jahren wurde von Bund, Ländern und Sozialversicherung ein Konzept zur Primärversorgung in Österreich beschlossen. Dieses Papier mit dem Titel "Das Team rund um den Hausarzt" (siehe Grafik) wäre ein taugliches Instrument und könnte sofort umgesetzt werden, erklärte der Präsident der Österreichischen Ärztekammer, Artur Wechselberger. Demnach arbeitet ein Kernteam von einem oder mehreren Allgemeinmedizinern und eine diplomierte Krankenschwester/ein diplomierter Krankenpfleger mit Gesundheitsberufen zusammen - das muss nicht unbedingt im selben Haus sein, sondern könnte auch in einem Netzwerk passieren. Leider, so die Ärztekammer, sei es aber so, dass es nur wenige freiberufliche Hebammen, Diätologen und andere Gesundheitsberufe gibt, die einen Kassenvertrag haben. In Niederösterreich gebe es zum Beispiel keinen einzigen Physiotherapeuten mit einem Kassenvertrag.

Funktionierendes System
nicht verkümmern lassen


Wechselberger, der seit 36 Jahren Allgemeinmediziner in Tirol ist, betonte, dass die Allgemeinmediziner bereits sehr gut vernetzt seien, ihre Öffnungszeiten, Wochenenddienste und Urlaubsvertretungen koordinieren würden. "Wir schaffen es auch sicher, die Öffnungszeiten noch flexibler zu gestalten", zeigte sich der Ärztekammerpräsident zuversichtlich. Was er sich aber noch wünscht, sind "gewisse Systemverbindlichkeiten". Auch Susanne Rabady, die seit 25 Jahren als Hausärztin in Windigsteig im Waldviertel tätig ist, erklärte, dass es die Hausärzte seien, die die Primärversorgung in Österreich aufrecht erhalten. Sie sei nicht gegen Primärversorgungszentren - diese würden jedoch nur die Bedürfnisse von 10 Prozent der Bevölkerung abdecken. "Wir brauchen aber eine gute Primärversorgung für alle", sagte Rabady. Man dürfe ein funktionierendes System nicht links liegen lassen, bis es verkümmere. Primärversorgung entstehe auch nicht durch längere Öffnungszeiten, sondern durch Kontinuität in der Beziehung zwischen Arzt und Patient. Ein Hausarzt kenne das Umfeld der Patienten und könne daher Beschwerden einordnen. Auch Rabady wüscht sich Verbindlichkeiten - zwar solle die freie Arztwahl bestehen bleiben, trotzdem sollte es Anreize geben, dass der Hausarzt Anlaufstelle bleibe.