"Die Kinder lernen so viel voneinander - sowohl kulturell als auch zwischenmenschlich. Daher war die Vielfalt für mich nie eine Herausforderung", meint Schuldirektorin Johanna Kirchmayer. - © Benjamin Storck
"Die Kinder lernen so viel voneinander - sowohl kulturell als auch zwischenmenschlich. Daher war die Vielfalt für mich nie eine Herausforderung", meint Schuldirektorin Johanna Kirchmayer. - © Benjamin Storck

Wien. Im Geografie-Unterricht auf der Wiener Mittelschule (WMS) Leipziger Platz im Bezirk Brigittenau sprechen heute in erster Linie die Jugendlichen. Sie halten Referate. Lucia und Dana sprechen gerade über Indien, über Kinderarbeit in Niedriglohnländern. Auf den Vortrag der beiden folgt eine Feedback-Runde der Klasse. Lucia und Dana haben laut und deutlich gesprochen. Ein Pluspunkt. Die Aussprache könnte besser sein. Ein Kritikpunkt. "Was könnte man machen, um die Aussprache zu verbessern?", fragt die Klassenlehrerin in die Runde. Einige Kinder heben die Hand. Kennt man ein Wort nicht, sollte man die Bedeutung nachschlagen, um es auch zu verstehen, schlägt ein Schüler vor. "Richtig", stimmt die Klassenlehrerin zu.

Fehler in der Aussprache deutscher Begriffe passieren hier immer wieder. Rund 90 Prozent der Kinder und Jugendlichen der Mittelschule Leipziger Platz sprechen neben Deutsch auch eine nichtdeutsche Erstsprache. Eine Situation, die seit der zunehmenden Flüchtlingsmigration vermehrt für Unbehagen in Teilen der Bevölkerung sorgt. In der WMS Leipziger Platz ist die sprachliche Vielfalt jedoch nicht nur Realität, sondern ganz einfach Normalität.

Hälfte mit nichtdeutscher Muttersprache

Ein Blick auf die offizielle Schulstatistik zeigt, dass der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit nichtdeutscher Muttersprache an der WMS Leipziger Platz überdurchschnittlich hoch ist. Österreichweit sprechen 23,8 Prozent aller Schüler eine andere Umgangssprache als Deutsch. In Wien beträgt der Anteil bereits 49,7 Prozent. Noch einmal höher ist der Anteil mit 66,2 Prozent in der Brigittenau, wo sich auch die WMS Leipziger Platz befindet.

Für die Direktorin Johanna Kirchmayer ist das weder etwas Neues noch eine besondere Herausforderung: "Vor 43 Jahren war in meiner ersten Klasse ein türkisches Kind. Das hat sich nach und nach erweitert. Mittlerweile ist es für mich und für uns eine selbstverständliche Gegebenheit, dass die Kinder von überall herkommen." Die Statistik bestätigt die Erfahrung von Kirchmayer: Bereits im Schuljahr 2006/07 gaben mehr als die Hälfte der Brigittenauer Schüler nicht Deutsch als ihre Umgangssprache an.

"Mit der Zeit wird es ein selbstverständlicher Umgang, dass man auch mit Gestikulieren und Zeigen in der Klasse kommuniziert", bestätigt Marlies Möderndorfer. Seit Herbst ist sie Lehrerin an der WMS Leipziger Platz. In ihrer Klasse sitzt ein einziger Schüler mit österreichischer Staatsbürgerschaft - und selbst dessen Vater ist Ghanese. Jugendliche der zweiten oder dritten Zuwanderungsgeneration finden sich ebenso in der Klasse wie Jugendliche, die in den vergangenen Jahren nach Österreich flohen.