Wien. (jm) Vertreter der Niedriglohnbranchen aus Gewerbe und Handwerk in der Wirtschaftskammer forderten am Dienstag, dass es bei einer Anhebung des Mindestlohns auf 1500 Euro auch "Dünger" in Form von flexibleren Arbeitszeiten geben muss. Diese Forderung richtete sich an die Arbeitnehmervertreter von Gewerkschaft und Arbeiterkammer, die nun verstärkt einen Mindestlohn von 1700 Euro anvisieren und Lohn und Arbeitszeit getrennt voneinander diskutieren wollen.

Beides sorgt seitens der Wirtschaft für Kopfschütteln. Die Regierung hätte einen Konnex zwischen diesen beiden Punkten hergestellt. Bis Ende Juni sollen sich die Sozialpartner einigen. Schaffen sie das nicht, präsentiert die Koalition ihr eigenes Modell. Die Anhebung des Mindestlohns auf 1700 Euro wird von der Wirtschaft jedenfalls entschieden abgelehnt. "Das kann ich nicht ernst nehmen", sagte die Obfrau der Bundessparte Gewerbe und Handwerk, Renate Scheichelbauer-Schuster.

Wirtschaft will Übergangszeit


Eine rasche Anhebung des Mindestlohnes gefährde durch die Mehrkosten für die Unternehmen Arbeitsplätze, heißt es seitens der Arbeitgebervertreter einmal mehr. Wobei die Firmen die Kosten ohnehin nicht vollständig übernehmen könnten und sich dies auch in steigenden Preisen bemerkbar machen werde. Sollte es bei der Anhebung des Mindestlohnes keine Übergangszeiten geben, müsse die Regierung über einen Kombilohn nachdenken, eine Zuzahlung zum Lohn durch die öffentliche Hand. Diese Idee hatte zuletzt Wifo-Chef Christoph Badelt wieder aufgebracht. Die Frage sei, wie dies der Bund gegenfinanziere, so der Wirtschaftsforscher.

Über alle Branchen hinweg arbeiten derzeit 356.500 Beschäftigte für weniger als 1500 Euro brutto im Monat (auf Vollzeitbasis), was rund 1200 Euro netto entspricht. Das trifft zu zwei Dritteln Frauen.

Oberösterreichs AK-Präsident Johann Kalliauer sagte, dass 1700 Euro brutto pro Monat "die Untergrenze für ein Leben in Würde darstellen" und überbot damit sogar das vorgegebene Maß der Regierung von 1500 Euro. Die Sozialpartner kommen sich in dieser Frage offenbar nicht näher.

Mit Abstand die Branche mit der höchsten Prozentzahl an niedrig Entlohnten ist laut Kalliauer jedenfalls das Hotel- und Gastgewerbe, wo fast jeder Zweite weniger als 1700 Euro monatlich für Vollzeitarbeit erhalte. Die Arbeitgeber verweisen dabei auf gratis Kost und Logis sowie Trinkgeld - allerdings wirkt sich das nicht auf die Pensionen sowie das Arbeitslosen- und Krankengeld aus, merkte Kalliauer an. An zweiter Stelle folge der Handel mit einem Anteil an niedrig Entlohnten von rund einem Fünftel.

Der Bereich Gewerbe und Handwerk hat auch mit einem Fachkräftemangel zu kämpfen (siehe Grafik). Bei den Floristen sprechen 57 Prozent von einem Problem damit. Dass das mit der im Vergleich geringen Entlohnung zu tun haben könnte, glauben die Arbeitgebervertreter nicht.