Eigentlich will Murphy das so nicht. Die Vienna International School soll keine Schule sein, in der man nie "off duty" ist, sagt er. Er selbst sinkt täglich einige Minuten in seinen roten Sitzsack, und versucht abzuschalten. Über seinem Schreibtisch erinnert ein Plakat daran, dass das Leben kurz ist, und man es daher genießen sollte.

Schulen erkennen allmählich, dass sie Strategien gegen den Stress entwickeln müssen. Dazu sind Achtsamkeit und Meditation bewiesenermaßen wirksame Mittel – an den Ursachen des Stresses wird damit aber nicht gerüttelt.

"Das Ziel von Achtsamkeit ist es, mehr über sich selbst zu erfahren, nicht über andere. Wenn man sich nur auf seine eigenen Probleme konzentriert, limitiert das, und es steht im Gegensatz zu Bildung. Es löst nicht die Ursache der Probleme, die man bekämpfen will", sagt Theodore Zeldin. Der Historiker an der Universität Oxford ist ein Kritiker der Achtsamkeitspädagogik. Für ihn ist Meditation eine "narzisstische Praxis", die die sozialen Probleme, die die Leistungsgesellschaft mit sich bringt, auf die persönliche Ebene verlagert.

Sind Klangschalen, Meditationskissen und Atemübungen also lediglich Werkzeuge, um Kinder und Jugendliche noch produktiver zu machen? Ist es richtig, Kinder und Jugendliche für die Leistungsgesellschaft zu rüsten, oder sollte man lieber deren Auswüchse – von standardisierten Bildungstests über das frühe Fokussieren auf die Karriere – bekämpfen?

"Ich bin der Überzeugung, dass wir Kinder für die Welt vorbereiten müssen, in der sie leben werden", sagt Murphy. "Früher hatte man einen Job sein Leben lang. Heute hat man nicht sechs oder sieben Jobs, sondern sechs oder sieben Karrieren – man ist vielleicht zuerst Arzt, und dann Journalist." Den Ansatz des lebenslangen Lernens praktiziert er selbst: Mit fast 60 Jahren besucht er derzeit einen Online-Lehrgang zum Thema Leadership und Innovation.

Achtsamkeitspädagogik in der LehrerInnenausbildung

Während Privatschulen wie die Vienna International School Achtsamkeitspädagogik seit einigen Jahren im Programm haben, kommt der Trend an den öffentlichen Schulen in Österreich erst langsam an. Die Initiative geht wie so oft von einzelnen Personen aus. Eine davon ist der Bildungswissenschafter Karlheinz Valtl vom Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität Wien. "Achtsamkeit hört sich so blauäugig an, aber Erfahrungen in den USA zeigen, dass man damit selbst die schwierigsten Jugendlichen erreichen kann. Die Trainer gehen damit zu sozialen Brennpunkten und auch in Strafanstalten."

"Wir können von den positiven Effekten der Digitalisierung nur profitieren, wenn wir auch mit den negativen umgehen können", sagt Karlheinz Valtl. Er leitet das Seminar "Pädagogik der Achtsamkeit" an der Universität Wien. - © Andrea Stölzl
"Wir können von den positiven Effekten der Digitalisierung nur profitieren, wenn wir auch mit den negativen umgehen können", sagt Karlheinz Valtl. Er leitet das Seminar "Pädagogik der Achtsamkeit" an der Universität Wien. - © Andrea Stölzl

Seit drei Jahren bietet er Achtsamkeitspädagogik in der Lehrerausbildung an. "Die Studierende trainieren in dem Seminar ihre Achtsamkeit, beispielsweise durch Atemmeditation oder Body Scan. Es geht darum, dass sie ein Bewusstsein für ihr Leben und ihr berufliches Handeln entwickeln. Darauf aufbauend lernen die Studierenden internationale Schulprogramme und schulspezifische Übungsformate kennen, befassen sich mit der Theorie und der Wirkungsforschung zu Achtsamkeit und setzen dies in Beziehung zu ihrem sonstigen bildungswissenschaftlichen Wissen", erklärt Valtl. Aus diesem Seminar heraus entstand auch das Symposium "Achtsamkeit in der Pädagogik", das am 29. Mai zum vierten Mal an der Universität Wien stattfindet.