Obwohl sich die internationale Wissenschaft – vor allem die Psychologie – seit mehr als einem Jahrzehnt immer mehr mit Achtsamkeit beschäftigt, gibt es in Österreich im akademischen Feld eher wenig dazu. Also gründete Valtl das Netzwerk "Achtsamkeit in der Pädagogik" und das "European Mindfulness Network", das seit 1. April 2017 aktiv ist. Ab März 2018 soll an der KPH Wien/Krems der Masterstudiengang "Achtsamkeit in Bildung, Beratung und Gesundheitswesen" angeboten werden.

"Wir können von den positiven Effekten der Digitalisierung nur profitieren, wenn wir auch mit den negativen umgehen können", sagt Valtl. Achtsamkeit trainiert die Aufmerksamkeit, kann Impulskontrolle und auch Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen verbessern.

Eltern klagten Yoga-Schulen

Doch nicht alle singen Loblieder auf die Achtsamkeit. Eltern im US-Bundesstaat Kalifornien haben einen Schulbezirk verklagt, sie störte die Spiritualität, weshalb sie gegen Yoga und Meditation an den Schulen rechtlich vorgingen. An der Vienna International School informiert vorab ein Elternabend, dass die Wurzeln zwar in buddhistisch sind, Meditation aber säkular unterrichtet wird. Bisher hat nur ein einziger Schüler an dem Programm aus religiösen Gründen nicht teilgenommen.

Aber ist Achtsamkeit nicht ohnehin eher etwas für Lehrerinnen und Lehrer? "Lehrer zu sein ist einer der stressigsten Jobs, die es gibt. Man gibt so viel, dass man vergisst, auf sich selbst Acht zu geben", sagt der Pädagoge Hawkins. Auch für Michael Sörös, Landesschulinspektor für Allgemeinbildende Höhere Schulen im Wiener Stadtschulrat, ist die Zielgruppe in erster Linie die Lehrerschaft. Sörös sagt, schulischer Erfolg und Misserfolg hänge immer mit Beziehung zusammen: "Hier Sensibilität zu schaffen ist der höchste Erfolgsparameter", denn: "Die Frage ist ja, wie wir mit den Schülerinnen und Schülern umgehen."

Das Wort "Schülermaterial" spreche Bände, so Sörös: "Wenn die Lehrerschaft überlastet ist, nehmen sie die Kinder und Jugendlichen nicht mehr als Individuen wahr." Auch Valtl sagt: "Überlastete Lehrerinnen und Lehrer neigen dazu, die Schülerinnen und Schüler zu depersonalisieren, was sich dann in einer aggressiven und demütigenden Behandlung zeigt." "Es geht um eine achtsame Haltung der Lehrerinnen und Lehrer. Ihnen wird damit bewusst, was einzelne Worte bewirken", sagt Sörös, und betont: "Wir stehen noch am Anfang, aber ich sehe in der Achtsamkeitspädagogik riesiges Entwicklungspotenzial."