Wien. "Little Istanbul" nannte der FPÖ-Bezirksvorsteher des 11. Wiener Gemeindebezirks, Paul Stadler, die Simmeringer Hauptstraße. Ein türkischer Laden neben dem anderen, Stadler will sie lieber auf den ganzen Bezirk aufgeteilt sehen. Freilich, gegen die Türken und türkischstämmigen Geschäftsinhaber selbst habe niemand etwas, sagt der blaue Bezirkschef. Die Leute seien fleißig.

Der Ausgang des Referendums vom vergangenen Sonntag in der türkischen Community lässt in Simmering niemanden kalt. 73 Prozent jener Türken, die zur Abstimmung gingen, stimmten für Erdogans Verfassungsreform, die ihm umfassende Kompetenzen sichert und seine Macht noch stärker einzementiert. Europaweit hat Erdogan nur in Belgien noch mehr Rückhalt, hier stimmten fast drei Viertel für "Evet", also für "Ja". Warum?

"Das hat mit der Situation in Europa zu tun", sagt ein Gast in einem Grilllokal nahe der Strachegasse in Simmering. Was er genau damit meint, will der Herr um die vierzig nicht ausführen. Dass aus der Türkei eine Diktatur wird, glaubt er nicht. Er weist auf das knappe Ergebnis der Abstimmung hin und darauf, dass in den großen Städten wie Istanbul oder Izmir die überwiegende Mehrheit gegen Erdogans Pläne votiert hat: "Erdogan wird das nun auch berücksichtigen müssen. Ich denke nicht, dass die Verfassungsreform so kommt wie geplant. Das Gesetz wird nochmals überarbeitet werden."

Musab (15) wünscht sich, dass die Türkei noch stärker wird.  - © Mehmet Emir
Musab (15) wünscht sich, dass die Türkei noch stärker wird.  - © Mehmet Emir

Der 15-jährige Musab glaubt nicht, dass sich die Türken in Österreich diskriminiert fühlen und deshalb in der Heimat den "starken Mann" wollen. "Erdogan baut Infrastruktur, wie zum Beispiel Flughäfen. Wir wollen, dass die Türkei noch stärker wird", sagt er. Viel eher habe das deutliche Pro-Erdogan-Votum in Europa mit dem politischen Verhalten der europäischen Staaten zu tun. Er nennt das Beispiel der Niederlande, wo Premier Mark Rutte im Wahlkampf die türkische Familienministerin hinausgeworfen hatte – wohl nicht ohne Hintergedanken.

Erdogan und der Waldheim-Effekt

Schauplatzwechsel: Ottakring, Thaliastraße. Der Westen sei Erdogan in die Falle getappt, ist sich der Betreiber eines gut besuchten Friseurladens sicher. Im Falle der Eskalation zwischen der Türkei und den Niederlanden hätten beide Kontrahenten profitiert: "Erdogan hatte seine Eskalation, die er für den Wahlkampf brauchte, und der Niederländer musste ja den Rechtspopulisten Wilders verhindern", sagt der Friseurmeister. Ob all das wirklich so ernst war, sei gar nicht sicher: "Wir wissen ja nicht, was hinter den Kulissen wirklich gelaufen ist."