Wien. Im dritten Bezirk von Wien, in der Markhofgasse, nur ein paar hundert Meter von der Südosttangente entfernt, entsteht in den Gebäuden einer ehemaligen Druckerei eine neue Schule: Der "Markhof". Klassenräume wird es hier nicht geben, denn die neue Schule ist ein Projekt von "Colearning Wien". Schule bedeutet deshalb sehr viel. Schule, das ist eine ganze Welt: Der Markhof wird viele Lernräume haben, Werkstätten, die allen offenstehen, eine Galerie für Künstler, Platz für Turnen, Yoga und Meditation, eine Küche für die Lernenden, eine FoodCoop, wo man Lebensmittel kaufen kann und Coworking-Arbeitsplätze für Kleinst-Unternehmer und -Unternehmerinnen. Außerdem noch einige Wohnungen. Und ein kleines Café. Der Markhof soll ein "Dorf in der Stadt" werden. "Unser Fokus ist nicht das Lernen", sagt Roland Dunzendorfer. "Oder jedenfalls nicht das, was man gemeinhin unter Lernen versteht. Wir haben in den letzten zwei Jahren gemerkt, es geht nicht ums Lernen. Es geht ums Leben."

Im Moment sind die Umbauarbeiten noch in vollem Gange. Sobald die Transformation der ehemaligen Druckerei zur Schule abgeschlossen ist, wird Colearning Wien von der "Hutfabrik" im 6. Bezirk in den 3. Bezirk umziehen. Am 24. Mai soll es soweit sein. Dann beginnt das große Experiment "Dorf in der Stadt", der Versuch, das Lernen wieder mit dem richtigen Leben in Verbindung zu bringen. "Die Schule als Lernanstalt, das Büro und Fabrik als Arbeitsstätten und das Wohnen quasi als Schlafstätte – wir wollen diese Trennungen aufheben, die wir von der Industriegesellschaft geerbt haben", sagt Stefan Leitner-Sidl, der Colearning Wien gemeinsam mit Roland Dunzendorfer und Florence Holzner im Herbst 2015 initiiert hat. Bei dem Projekt Colearning hatte sich sehr schnell gezeigt, dass die vollen Potenziale, die das gemeinsame offene Lernen hat, nicht ausgeschöpft werden können, wenn es nicht ausstrahlen kann auf andere Bereiche des Lebens weil die Verbindung zur Gesellschaft fehlt.

Colearning Wien ist bürokratisch betrachtet keine Schule, sondern ein Verein. Roland Dunzendorfer, Florence Holzner und Stefan Leitner-Sidl sind Eltern. Gemeinsam haben sie neun Kinder, denen sie vor zwei Jahren die Regelschule nicht bzw. nicht mehr antun wollten. "Es geht in der Regelschule nicht um Interessengeleitetes Lernen. Gelernt wird mit Vorgaben, mit Belohnung und mit Bestrafung. Die ständige Bewertung, das Damokles-Schwert des Nicht-Genügens – das macht was mit einem. Man kann nicht einfach sagen ‚uns hat es ja auch nicht geschadet‘. Wir wissen ja gar nicht wie sehr es uns geschadet hat! Wenn es uns nicht geschadet hätte, dann hätten wir jetzt eine solidarischere Gesellschaft, in der jeder Verantwortung übernimmt", sagt Stefan Leitner-Sidl. Die drei Eltern gründeten den Verein Colearning Wien, fanden Gleichgesinnte und etablierten das Konzept des gemeinschaftlichen Lernens jenseits von Altersgrenzen, Klassenräumen und Schulnoten. Colearning Wien wuchs sehr schnell. Die heute insgesamt 35 Kinder zwischen fünf und 16 Jahren sind im so genannten "häuslichen Unterricht". Einmal im Jahr müssen sie eine Externistenprüfung machen, um zu belegen, dass sie alle Lerninhalte der Regelschule beherrschen.