Wien/Rom. Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) hat am Mittwoch klargestellt, dass Österreich derzeit keine Grenzkontrollen am Brenner durchführen wird und auch kein Einsatz des Bundesheeres unmittelbar bevorsteht. Derzeit gebe es keine Truppen und kein militärisches Gerät am Brenner. Österreich habe aber für einen möglichen Bedarfsfall einen Notfallplan beschlossen. Sowohl die Regierung in Rom als auch der EU-Parlamentspräsident Antonio
Tajani hatten die jüngsten Aussagen aus Österreich zuvor kritisiert.

Kern versicherte, dass sich trotz der hohen Zahl an Flüchtlingen in Italien in den letzten Wochen die Zahl der Aufgriffe in Österreich kaum verändert habe. Dies zeige die exzellente Arbeit der italienischen Behörden und die gute Kooperation mit Italien. Es gebe derzeit keine Anzeichen, dass die italienischen Behörden die Situation nicht im Griff hätten. Italien brauche aber jetzt die europäische Solidarität. Daran werde Österreich sich auch beteiligen und sich an der Konferenz der Innenminister morgen konstruktiv einbringen.

Scharfer Protest aus Italien

Ausgelöst hatte den Wirbel Doskozil, der am Montag angekündigt hatte, angesichts steigender Flüchtlingszahlen in Italien "sehr zeitnah" Grenzkontrollen am Brenner zu erwarten. Vier Pandur-Radpanzer zur Absperrung von Straßen im Grenzgebiet habe man schon nach Tirol verlegt. Die italienische Regierung protestierte scharf und drohte mit Konsequenzen für die Sicherheitszusammenarbeit. "Die Entsendung von Soldaten an die Brenner-Grenze ist inakzeptabel", deponierte auch der aus Italien stammende EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani.

Nach einem Telefonat mit Ministerpräsident Paolo Gentiloni bemühte sich dann auch Kanzler Christian Kern um Deeskalation: Gemeinsam mit Doskozil versicherte er, dass Grenzkontrollen nicht unmittelbar bevorstehen. Österreich habe aber einen Notfallplan beschlossen, um im Fall des Falles eine Wiederholung der Situation von 2015 zu verhindern, als tausende Flüchtlinge unkontrolliert über die Grenzen kamen.

Grenzkontrollen beschränkt

Freilich wäre die Wiedereinführung von Grenzkontrollen am Brenner nicht ohne weiteres möglich. Im Schengenraum gilt nämlich Reisefreiheit und einseitige Grenzkontrollen sind nur in Notfällen für maximal zehn Tage möglich. Der Rat der Mitgliedsländer kann das dann auf bis zu zwei Jahre verlängern. Geschehen ist das zuletzt im Rahmen der Flüchtlingskrise 2015: Hier hat die EU Grenzkontrollen an der Südostgrenze zu Ungarn und Slowenien erlaubt und im Mai ein letztes Mal für sechs Monate verlängert.

Kritik am Vorgehen der Regierung kam von der Grünen Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek, die Kern aufforderte, seinen "Panzerminister" Doskozil zurückzupfeifen: "Die offene Brenner-Grenze ist die Erfolgsgeschichte des europäischen Friedensprozesses." FP-Chef Heinz Christian Strache warf Kern dagegen vor, "eingeknickt" zu sein und forderte die Regierung auf, nicht bis zum nächsten Flüchtlingsstrom zuzuwarten. ÖVP-Chef Sebastian Kurz hatte die Planungen des Verteidigungs- und des Innenministeriums bereits am Mittwoch als "verantwortungsvoll" verteidigt.