Vielfältige und hochqualifizierte Bewerber

Cornelius Vleugel, aktuell in Bildungskarenz, der damals für Ikea vor einem Jahr auf der Messe Ansprechpartner war, soll seiner Kollegin, Pressesprecherin Barbara Riedl, ganz begeistert erzählt haben: "Du kannst dir gar nicht vorstellen, was für tolle Leute da waren." Mehr als 20 davon gehören heute zum österreichweit 2650 Mitarbeiter großen Team, rund 1100 davon in Wien.

Das passe zur Unternehmenskultur, man habe sich schon davor mit Sach- und Geldspenden im Wert von 500.000 Euro in der Flüchtlingshilfe engagiert. Das komme im Unternehmen an, die neuen wurden auch nicht als Konkurrenz gesehen: "Wir sind bunt und vielfältig, haben wie alle Handelsunternehmen eine relativ hohe Fluktuation, deshalb laufend neue Jobs zu besetzen", sagt Riedl. Und: "Die Flüchtlinge bringen Fähigkeiten mit, die wir zu schätzen wissen. Sie können sich mit Arbeit einfacher integrieren und wir haben gute neue Leute."

47 Prozent der Flüchtlinge auf der Messe hatten einen Studienabschluss, weitere 31 Prozent Matura, hat Chancen:Reich-Organisatorin Stephanie Cox bei der Messe in einer Befragung erhoben. Die Unterstützenden Organisationen - die Wiener Wirtschaftskammer, das AMS Wien und Wirtschaftsagentur Wien - zeigten sich zufrieden. Von den Unternehmen hätten 67 Prozent potenzielle Mitarbeiter auf der Messe kennengelernt: "Viele von den Personalisten haben sehr emotional reagiert, haben gesagt: Wow, ich hätte diese Menschen total unterschätzt", sagt Cox heute.

Die Messe fand Tiroler Nachahmer

Eine weitere Messe in Wien sei heuer zwar nicht geplant, heißt es von Seiten des AMS Wien. Man wolle sich heuer unter anderem speziell um die Anerkennung der Abschlüsse im Gesundheitswesen und die Integration der Friseure unter den Flüchtlingen bemühen. Das Echo der Chancen:Reich ging aber über die Stadtgrenzen hinaus und führte zu einer kleineren Messe in Innsbruck: Im Mai trafen sich ein Dutzend Tiroler Unternehmen und rund 150 eingeladene, in Tirol wohnhafte Flüchtlinge zu Face-to-Face-Gesprächen. "Es wurde bewusst ein anderes Design gewählt, um sich besser kennenzulernen. Wir passen das an die jeweiligen Bedürfnisse an, das hat gut funktioniert", sagt Cox. Aber auch von den Flüchtlingen, die auf der Chancen:Reich waren - ein sehr großer Teil aus Syrien, viele auch aus dem Irak und deutlich weniger aus Afghanistan, acht von zehn Männer, die meisten noch keine 35 Jahre alt - war ein Großteil zufrieden: 64 Prozent berichteten mögliche Arbeitgeber getroffen zu haben und 90 Prozent wollten die Messe weiter empfehlen.

Manche fanden Arbeit
auf Umwegen

Einer davon ist der heute 20-jährige Syrier Louai Abdul Fattah, der noch immer in höchsten Tönen von der Chancen:Reich spricht, obwohl sie ihm auf direktem Weg keine passende Arbeit brachte: "Das war eine tolle Sache, um österreichische Unternehmen kennenzulernen. So viele auf einem Platz, man hatte viele Chancen auf Bewerbungsgespräche."

Einige seiner Freunde hätten nach der Chancen:Reich bei Lebensmitteleinzelhändlern zu arbeiten begonnen. Er selbst habe sich vor allem bei den Medien vor Ort umgesehen: "In meiner Familie gibt es seit 40 Jahren Fotografen, auch mein Vater war Fotograf. Da habe ich auch immer wieder mitgearbeitet, also habe ich auf der Messe beim ORF und Biber meinen Lebenslauf abgegeben." Bei Wiener Stadtmagazin "Biber" konnte er schließlich ein Foto-Praktikum machen. "Das hat mir geholfen, um Fotos für das ,Vormagazin‘ machen zu können."

Und mit der nun gewachsenen Mappe konnte er die Fotografen der Wiener Anzenberger Masterclass von sich überzeugen: "Die waren begeistert von mir." Er habe neben dem Jugendcolleg für junge Flüchtlinge eine einjährige Ausbildung, die sich normalerweise mit mehreren tausend Euro zu Buche schlägt, kostenlos absolvieren und im Juni erfolgreich abschließen können.

Trotzdem schätzt er seine Chancen in seinem Traumberuf nach wie vor nicht gut ein: "Als Fotograf ist es extrem schwierig, in Wien Arbeit zu finden." Deshalb habe er sich für eine Lehrstelle als Architekturzeichner beworben. Anfang August gibt es die Probewoche, läuft die gut, könnte es im September losgehen. Dass das wieder etwas Neues ist, stört Fattah nicht: "Ich lerne gerne und mag es immer wieder neue Sachen auszuprobieren."

Neu orientieren mussten sich aber auch manche Unternehmensaussteller - und nach anderen Mitarbeitern suchen. Talent-Scout Monika Dauterive des Lauf-App-Entwicklers Runtastic hatte auf der Messe zwar bei 170 Mitarbeitern noch weitere 40 bis 50 Positionen zu besetzen. Zwar erhielt sie nach der Messe rund zehn Bewerbungen, Stellen besetzen konnte sich aber nicht: "Was zum Teil auch daran lag, dass viele nicht nach Linz übersiedeln wollten, wo wir aber die meisten Stellen zu besetzen haben."

Noch fehlende Kompetenzen ausgleichen

Mit zwei konkreten Personen für Data Science und für Mobile Computing habe Dauterive zwar Gespräche geführt, aber: "Es scheiterte an den zu langen Berufsunterbrechungen. Vermutlich wegen der Fluchtgeschichte. Das ist in unserer Branche so, wenn du zwei bis drei Jahre weg bist, ist das Wissen veraltet." Auch Englisch als Firmensprache sei für viele Flüchtlinge ein Problem gewesen: "Viele konnten Deutsch besser als Englisch."