Wien. Knapp mehr als zwei Wochen sind seit dem tragischen Tod eines Rekruten der Garde während seiner Grundausbildung in der Radetzky-Kaserne in Horn nun vergangen. Am Donnerstag fand das Begräbnis des jungen Mannes statt - auf Wunsch der Angehörigen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Fall nahm seit seinem Bekanntwerden einige Wendungen. In einem ersten Obduktionsergebnis der Staatsanwaltschaft Krems - sie ermittelt nach wie vor wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung unter besonders schweren Umständen - war zuerst von Überhitzung als Todesursache die Rede. 44 Grad Körpertemperatur habe man beim Kollabierten gemessen. Schließlich wurden im Blut des Rekruten gefährliche Keime gefunden. Der Grundwehrdiener habe an einer gefährlichen, aber seltenen Infektion gelitten.

Das Bundesheer steht nach wie vor unter massiver Kritik. Über Zeitungen, Fernsehen und Radio meldeten sich ehemalige und im Dienst befindliche Rekruten und berichteten über die Ausbildungsmethoden in Horn (Niederösterreich). In der "Kronen Zeitung" erschien hingegen ein ominöser Brief einiger Horner Rekruten, die darin ihre Ausbildner in Schutz nehmen. "Wir sind dabei gewesen", ist in dem Brief wörtlich zu lesen. In geschliffener Sprache erzählen die Rekruten eine ganz andere Geschichte über ihre Ausbildner, die Tage vor dem Vorfall und den Tag des Marsches bei extremer Hitze, als Rekruten zuvor berichteten: So seien Klagen über gesundheitliche Beschwerden von den Ausbildnern sehr wohl ernst genommen worden.

Kritik an der Rettungskette

Was genau an jenem Donnerstag bei besagtem Marsch passiert ist, soll die Untersuchungskommission klären. Auch bei der "Wiener Zeitung" meldete sich vergangene Woche ein Rekrut der 1. Gardekompanie. Wir treffen ihn in einem Kaffeehaus in Wien.

"Es wird sicher das letzte Mal sein für die kommenden Monate, dass einer von uns mit der Presse spricht", sagt der junge Mann, der seinen Namen natürlich nicht in der Zeitung lesen will. Wir nennen ihn deshalb Rekrut P. Zwar gebe es bei vielen seiner Kameraden das Bedürfnis, ihre Sicht zu schildern. Zu machtlos aber fühle man sich gegenüber den Strukturen im Heer. Zu groß sei die Angst vor Repressalien. "Jeden Tag nach Dienstschluss heißt es, wir dürfen über die Ereignisse nicht sprechen."

Den Ausführungen seiner Kameraden in der "Kronen Zeitung" aber widerspricht P. heftig. Vor dem besagten Marschtag habe es in einem anderen Zug der Einheit "völlig erschöpfte" Rekruten gegeben, denen aber vorgehalten worden sei, sie würden "simulieren". "Diese Kameraden haben Ausgehverbot erhalten", sagt P. Und am Tag vor dem verhängnisvollen Marsch um 22 Uhr abends, bei Dienstschluss, habe sich der Kompaniekommandant vor ihnen aufgebaut und gesagt: "Wer noch Luft hat zum Reden, der kann weitermachen." Die Verfasser des "Krone"-Briefes seien jedenfalls im Innendienst und nicht beim Marsch dabei gewesen.

Und ja, es gebe Augenzeugen vom Eintreffen des Transports des kollabierten Rekruten in der Horner Kaserne, sagt P. Was ihm diese Augenzeugen erzählt haben, will P. aber nicht detailliert schildern. Auch hier hat er zu viel Angst, dass es Probleme geben könnte. "Was für uns jedenfalls feststeht, ist, dass die Rettungskette absolut nicht funktioniert hat", sagt P. "Wieso wurde unser Kamerad nicht sofort mit dem Notarzt vom Marsch abgeholt und ins Krankenhaus gebracht?" P. vermutet dahinter eine Richtlinie des Heeres, wonach zur Vermeidung von Kosten in Krankheitsfällen immer zuerst die Sanität in der Kaserne oder Heeresspitäler aufzusuchen seien: "Du bist nämlich beim Bundesheer krankenversichert, bei deinen Eltern kannst du dich nicht mitversichern."

Besonders die Darstellung seitens des Bundesheeres von den Abläufen am Marschtag stören P. In der Pause sei "erkannt worden, dass es ihm nicht gut geht", sagte ein hochrangiger Offizier vergangene Woche bei einem Pressegespräch. P. schildert die Ereignisse so: "T. (der verstorbene Rekrut, Anm.) hat schon zu Beginn geklagt, dass es ihm schlecht geht. Er war käsebleich im Gesicht, aber die Ausbildner haben geglaubt, er simuliert. Dann ist er einen Abhang hinuntergerollt, hat sich aber wieder aufgerafft und gesagt: ‚Gemma weiter‘." Schließlich sei er in einer Wiese zusammengesackt, sehr wohl in einer Marschpause, wie dies auch das Bundesheer sagt. Dann erst sei der Zugskommandant verständigt worden. "Da war T. schon in einer Art Delirium."

Ebenso wenig wie man die Klagen von T. ernst genommen habe, habe beim Einrücken eine gründliche Untersuchung der Rekruten stattgefunden. "Die haben gefragt: ‚Hast was?‘", erinnert sich der junge Mann. Ein Harntest sei durchgeführt worden, Füße und Beine seien untersucht worden, die Zähne und die Augen. Einen Bluttest habe es nicht gegeben. "Ein Witz", sagt P.

Am Tag des Todesfalls seien an die ganze Kompanie Antibiotika ausgeben worden. Zurzeit aber müssten die Rekruten keinerlei vorbeugende Medikamente einnehmen.