Modell für Österreich?


Es gibt ihn nicht oft, aber Buurtzorg scheint ihm schon recht nahe zu kommen: dem Stein der Weisen. Also warum holt man ihn also nicht sofort nach Österreich? Tatsächlich wird Buurtzorg bereits in 20 Ländern nachgeahmt: nicht nur im nahen Schweden, sondern auch in Japan, China und Indien. In weiteren 20 Ländern ist das Modell in Diskussion, "Taiwan ist zum Beispiel interessiert", erzählt Jos de Blok. Eine Anfrage der österreichischen Regierung gab es zwar noch nicht, aber: "Wir kommen näher und näher."

Warum ist man noch nicht angekommen? Ein Grund ist die unterschiedliche Finanzierung der Pflegeleistungen in den Niederlanden und in Österreich. In Österreich wird festgestellt, welche der sieben Pflegestufen notwendig ist, demnach wird das Bundespflegegeld ausbezahlt. Jene, die es beziehen, können selbst entscheiden, wofür es verwendet wird: für Pflege, für Betreuung, aber auch andere Ausgaben. "Das ist ein Anreiz für Familienangehörige, sich in die Pflege einzubringen", meint etwa Walter Marschitz, Sozialwirtschaft Österreich-Geschäftsführer.

Für die Finanzierung professioneller Pflege wie sie Buurtzog bietet, ist das Pflegegeld ein Nachteil: "Denn dort wird der Pflegebedarf zweckgebunden als Sachleistung ausbezahlt", sagt Kai Leichsenring, Wissenschaftler und Executive Director beim European Centre for Social Welfare Policy and Research. "Das niederländische Modell ist integrativer", sagt August Österle, Gesundheitsökonom an der Wirtschaftsuniversität Wien, darüber hinaus. Langzeitpflege, Ärzte und andere Gesundheitsberufe arbeiten auf Augenhöhe miteinander, auch stationäre und mobile Pflege arbeitet Hand in Hand miteinander, über stationäre, mobile Pflege oder Betreuung wird in einem gemeinsamen Assesement entschieden.

Mehr Verantwortung


Um so eigenverantwortlich arbeiten zu können, braucht die einzelne Pflegekraft eine gute, fundierte Ausbildung. Und diese hat sie in den Niederlanden: 70 Prozent haben einen Abschluss mit Diplom, die Hälfte davon außerdem einen Bachelor. Sie sind Generalistinnen, mehrheitlich Frauen, die weitgehend ohne externe Qualitätssicherung auskommen. Jos de Blok sagt sogar: "Qualitätssicherung stört die Pflegerinnen bei ihrer Arbeit. Sie füllt Bücher mit Daten, aber verbessert die alltägliche Praxis nicht."

In Österreich ist das anders: Das konkrete Ausbildungsniveau wird erst mit einer Registrierung der Gesundheits- und Sozialberufe erhoben. Die universitäre Pflegeausbildung ist vergleichsweise neu, dazu wird gerade mit der Pflegefachassistenz ein neuer Beruf eingeführt. Die Planung der Pflegearbeit übernehmen in vielen Organisationen Teamleitungen. Die Pflegekräfte selbst haben dagegen einen zunehmend größeren Aufwand an Dokumentationspflichten zur Qualitätssicherung.

"Bei Buurtzorg fließt das Geld in die Pflege und nicht in die Overhead-Kosten", sagt Jos de Blok. Die Organisation komme mit 50 Leuten im Innendienst, die Budget und Personal verrechnen, aus, dazu gibt es 20 Coaches für die Pflegekräfte. Österreich hat dagegen vergleichsweise große Verwaltungsapparate - nicht nur in den Pflegeorganisationen, sondern auch bei Politik und Behörden, die Aufgaben definieren, verteilen und evaluieren. Das sind dummerweise zugleich auch jene, die sich zum Teil verantwortungsvoll selbst wegreformieren müssten, weil man sie bei Buurtzog nicht in so großer Anzahl braucht.

Trotz alledem gibt es auch in Österreich den Wunsch, solche Hürden zu bewältigen: Da ist Ashoka, eine Organisation, die Social Entrepreneurship fördert und die Idee ihres Fellows Jos de Blok in Österreich bekannt machen möchte. Da sind Arbeiterkammer und Gewerkschaften, denen das selbstbestimmte verantwortungsvolle Arbeiten der Pflegekräfte zusagt. Interesse gibt es auch in Pflegeorganisationen. Aber noch wird überlegt, wie Pilotprojekte aussehen könnten. Und da sind ja auch noch Wahlen, nach denen klarer sein sollte, wie die Pflegefinanzierung künftig aussehen wird.