Stimmen gehen nicht verloren

Dass in zahlreichen Wahlkreisen gar keine Grundmandate vergeben werden, ist nicht unüblich. In einem kleinen Wahlkreis mit wenigen Wählern ist es auch oft schwierig, die Wahlzahl zu erreichen, in Osttirol faktisch unmöglich. 2013 lag die Wahlzahl in Tirol bei 23.664, die Zahl aller gültigen Stimmen im Wahlkreis Osttirol bei nur 25.964. Eine Partei hätte für ein Grundmandat somit mehr als 90 Prozent erreichen müssen. 2017 lautete die Wahlzahl 27.429, und 29.395 gültige Stimmen wurden abgegeben. Für ein Mandat hätte eine Partei allein 93,31 Prozent der Stimmen gebraucht.

Die Stimmen gehen jedoch nicht verloren, sondern werden ins zweite Ermittlungsverfahren mitgenommen. Im Landeswahlkreis kommt ein weiteres Mal die Wahlzahl ins Spiel. Nun werden die Parteistimmen im Bundesland durch die Wahlzahl geteilt und damit die Mandate für den gesamten Landeswahlkreis ermittelt. Allfällige Grundmandate aus dem ersten Ermittlungsschritt werden danach abgezogen.

Diese Mandate sind wesentlich billiger zu haben als die Wahlkreis-Mandate: Nur 2,70 Prozent kostete ein Landesmandat 2017 in Niederösterreich, dem Land mit den meisten Wahlberechtigten. In Wien, Oberösterreich und der Steiermark waren zwischen drei und vier Prozent nötig, in Tirol beinahe sieben, in Kärnten mehr als sieben Prozent und in Salzburg rund neun. In den kleinsten Bundesländern Vorarlberg (12,50 Prozent) und Burgenland (14,29 Prozent) waren die Landesmandate am teuersten.

Die Bundesliste für den Rest

Im dritten Schritt wird nun ein anderes Verfahren angewandt, um die Wahlzahl zu ermitteln. Und das ist ein bisschen kompliziert. Die Zahl der bundesweit abgegebenen Stimmen für die einzelnen Parteien werden nebeneinander geschrieben und durch zwei, drei, vier, fünf, usw. dividiert. Die daraus resultierenden Zahlen werden der Größe nach gereiht und die 183. größte Zahl gesucht. Sie ist nun die Wahlzahl. 2017 war diese 25.735. Erneut werden die Stimmen der Parteien durch die (neue) Wahlzahl dividiert und danach die bisher errungenen Mandate abgezogen. Ganz kleine Parteien holen in der Regel erst bei diesem dritten Verfahren ihre Mandate, bei größeren Parteien ist der Anteil der Kandidaten, die über die Bundesliste in den Nationalrat einziehen, geringer.

Liegt es also nur in der Hand der Wählerinnen und Wähler, wer genau in den Nationalrat einzieht? Nun, nicht ganz. Nach der Wahl beginnt ein Gefeilsche in jenen Parteien, die auf mehreren Ebenen Mandate geholt haben. Innerhalb der Parteien werden die Mandate nach den Listen der drei Ebenen verteilt. Wobei Kandidaten auch auf zwei oder allen drei Ebenen (im Wahlkreis, Land und Bund) auf der Liste stehen dürfen. Welches Mandat ein Kandidat annimmt, kann in der Partei entschieden werden. Das gibt den Parteien die Möglichkeit, nach der Wahl an der personellen Zusammensetzung im Nationalrat ein wenig zu drehen. Beliebtes Motiv dafür: Landes- und Teil-Organisationen zufriedenzustellen.